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Gegenrede: Der FDP Stadtverband zum Ratsbeschluss e-Sport

Gegenrede: Der FDP Stadtverband zum Ratsbeschluss e-Sport

Auf der letzten Ratssitzung wurde der Antrag der FDP-Fraktion auf Anerkennung des e-Sports mehrheitlich nach kontroverser Diskussion von den anderen Fraktionen abgelehnt. Die Anerkennung als offizielle Sportart ist seit Jahren Gegenstand öffentlicher Debatten. Unter anderm wird  im Rahmen der „Me Too“ Debatte die Frage diskutiert, ob der E-Sport ein strukturelles Sexismusproblem hat. Da E-Sport in Deutschland und weltweit ein Massenphänomen ist, halten wir es für angemessen, sich intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen. Kommentare (an: redaktion@radioleinewelle.de) aus den anderen Ratsfraktionen, dem Sport und der Gamerszene sind ausdrücklich erwünscht. Hier als erster Beitrag zur Debatte die Stellungnahme der FDP:

 

FDP Stadtverband ist entsetzt über Unkenntnis der Ratsfraktionen zum Thema eSport

In der vergangenen Ratssitzung am 18.9.20 wurde über den Antrag der FDP-Ratsfraktion „eSport anerkennen“ ausgiebig diskutiert. Der Stadtverband ist entsetzt über die offensichtliche Unkenntnis der anderen Ratsfraktionen zu diesem Thema und deren längst veralteten Vorurteile.

„Zum einen erleben wir bei den Kollegen Wucherpfennig, Tugcu, Safieh und Binkenstein, dass sie den grundlegenden Unterschied zwischen „daddeln“ und eSport nicht verstanden haben. Das eine ist eine Form der Freizeitbeschäftigung, das andere ist systematisches Training. Ein E-Sportler trainiert nie mehr als acht Stunden am Tag, eingeteilt in individuelles Techniktraining, Team-Training, Strategiebesprechungen und Fitnesstraining. Die Privatmeinung meines geschätzten Kollegen Tugcu („Für ihn habe Sport etwas mit Bewegung zu tun…“) sei ihm gelassen, aber Schach beispielsweise ist eine anerkannte Sportart, welche sich nicht gerade durch Bewegungsdrang auszeichnet.“,kommentiert Patrick Thegeder, FDP-Stadtverbandsvorsitzender, die fast einstündige Diskussion im Rat.

Thegeder ist nicht nur studierter Sportwissenschaftler, sondern auch Leiter des Landesfachausschusses Sport der FDP Niedersachsen und Mitglied des Bundesfachausschusses Sport.

Die Unkenntnis der genannten Ratsmitglieder zeigt sich auch deutlich in deren weiterer Argumentation. Denn der eSport umfasst wesentlich mehr als den von Ratsherr Wucherpfennig klischeehaft genannten Titel ‚Counterstrike‘. Der eSport ist so verschieden wie der reale Sport, von Rennspielen über Sportspiele zu Strategiespielen oder sogenannten Shootern ist alles vertreten. Den geringsten Teil im eSport nehmen übrigens die traditionellen Sportarten mit Titeln wie Fifa oder Madden ein.

Profivereine haben das Potential des eSports längst erkannt, denn es geht hier weniger um den pekuniären Gewinn, sondern darum in der Zielgruppe der unter 30-jährigen Präsenz zu zeigen. Natürlich wird ein professionell agierender Teil eines Vereins als GmbH ausgegliedert. Das hat nichts mit den möglichen Gewinnen zu tun, sondern schützt den Stammverein im Falle einer Insolvenz der GmbH.

„Herr Wucherpfennig verweist in seiner Stellungnahme auf die Position des DOSB. Diese ist leider in ihrer Grundstruktur fehlerhaft, wie bei Gesprächen mit DOSB-Vertretern und meinem Landesfachausschuss deutlich wurde. Drei Hauptargumente wurden dabei ins Feld geführt: 1. Der eSport ist gewalttätig und deshalb nicht förderungswürdig, 2. der eSport ist unsportlich und ohne sportliche Betätigung und 3. zu kommerziell organisiert“,so Thegeder weiter.

Doch auch diese Argumente lassen sich schnell widerlegen.
Zu 1: Der eSport ist nicht gewalttätig, noch sind es manche Titel. Es gibt unterschiedliche Spiele mit unterschiedlichen Zielsetzungen, manche davon haben eben das Szenario einer kriegerischen Auseinandersetzung. Wer das jetzt für brutal hält, der möchte an Fechten erinnert werden („erstechen“ des Gegners) oder an Boxen (Das Ziel ist der Knock-Out). Besonders beim Boxen sind die Spätfolgen einer erfolgreichen Karriere zum Teil schwerwiegend, nicht umsonst gibt es das „Boxers-Syndrome“ als medizinischen Terminus. Auch das Vorurteil, Jugendliche, die Ego-Shooter spielen, würden automatisch gewalttätig werden, ist inzwischen veraltet und hinreichend widerlegt.

Zu 2: Organisierte eSport-Events und -Ligen unterliegen einem festen Regelwerk, unfaires Verhalten wird sanktioniert. Der eSport ist auch nicht unsportlich im Sinne von körperlicher Betätigung. Ein Profi macht ein ausgewähltes Ausgleichstrainingsprogramm und hat eine Reaktionszeit, die kürzer ist als die von Profivolleyballern.

Zu 3: Der eSport an sich braucht keine Förderung, es gibt keine zentrale Dachorganisation und die Spiele werden in Turnierform von den Herstellern angeboten. Dadurch gibt es aber auch keine kontrollierten Strukturen, was einen Schutz von Minderjährigen erschwert. Zudem würden Vereine über eine eSport-Sparte sich ein weiteres Standbein schaffen und mit der jugendlichen Zielgruppe (die den Nachwuchs in einem Verein bildet) in Kontakt zu treten. Hier ist ein weiterer Vorteil, dass Sportler eines eSport-Teams nicht vor Ort sein müssen, um in Wettkämpfen anzutreten.

„Was die Ratskollegen von SPD, Grüne, CDU und Linke anscheinend nicht verstanden haben, ist, welches Potential Vereinsstrukturen für den eSport bieten: Präventionsarbeit zu Spielsucht und Medienkompetenz können so ganz gezielt an Jugendliche vermittelt werden. Darüber hinaus ermöglichen diese Strukturen auch die unkomplizierte Teilhabe aller interessierter Gamer. Integration und Inklusion lassen sich virtuell einfach erleben. Es ist für uns unbegreiflich, warum man sich in Göttingen so dagegen wehrt überhaupt über das Thema zu diskutieren und sich mit Sachverständigen auseinander zu setzen. Göttingen hat wieder einmal die Chance vertan eine Vorreiterrolle einzunehmen“, zeigt sich Thegeder enttäuscht.

Sport hat viele Facetten, er geht von Schach bis Bungee-jumping, von Skateboarden und Big-Wave-Surfing zu Snowboarden, Biathlon, Fußball, Skilanglauf oder Golf. Aus Sicht des Stadtverbandes sollte im 21. Jahrhundert endlich mit alten Vorurteilen und verstaubten Ansichten aufgeräumt werden und eSport als das anerkannt werden was er ist: Eine neue Facette von stetig neuen Sportarten.

 

Bild von dife88 auf Pixabay

RadioLeinewelle

September 23rd, 2020

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