Gesellschaft

Ein überlastetes Hilfesystem: In der Pandemie wirkt sich der Mangel an Frauenhäusern fatal aus

Ein überlastetes Hilfesystem: In der Pandemie wirkt sich der Mangel an Frauenhäusern fatal aus

Dutzende Frauenhäuser waren seit Beginn der Corona-Pandemie überfüllt, teilweise mussten sie hunderte Frauen und Kinder abweisen. Das zeigt eine Recherche von CORRECTIV.Lokal zusammen mit Radio Leinewelle und Miriam Lenz, André Ricci, Jonathan Sachse. 

Frauenhäuser unter Druck durch die Corona-Pandemie
Zehntausende Frauen suchten im vergangenen Jahr einen sicheren Platz in einem Frauenhaus. Sie flohen aus den unterschiedlichsten Formen von Gewalt in ihren Beziehungen. Vor prügelnden Partnern, psychischer Gewalt, teils massiver Häuslicher Gewalt oder Vergewaltigungen. In der Corona-Pandemie sind Frauenhäuser noch wichtiger als in normalen Zeiten. Nicht nur weil es, wie es erste Studien nahelegen, während der Lockdown-Phasen häufiger zu Häuslicher Gewalt kommt. Auch deshalb, weil es für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder in diesen Zeiten noch schwerer als sonst ist, andernorts, etwa in einer Pension oder bei Vertrauenspersonen, eine sichere Bleibe zu finden. 

Es gibt bundesweit rund 370 Frauenhäuser. Doch dutzende dieser Einrichtungen waren 2020 über Wochen und Monate voll belegt und konnten keine Frauen in Not mehr aufnehmen. Das ist das Ergebnis einer Auswertung von Belegungsdaten durch CORRECTIV.Lokal in Kooperation mit Radio Leinewelle. Mehr unter: correctiv.org/haeusliche-gewalt

Der Mangel an Schutzunterkünften resultiert nicht in erster Linie daraus, dass manche Frauenhäuser aufgrund der Corona-Regeln 2020 weniger Frauen und Kinder aufnehmen konnten als in anderen Jahren. Denn der Mangel ist viel älter als die Pandemie. Der Europarat berechnete bereits 2006, dass ein Frauenhausplatz pro 7.500 gemeldete Personen bedarfsgerecht wäre. Davon ist Deutschland immer noch weit entfernt. Aktuell fehlen fast 3.900 Schutzplätze. 

Die Situation im südlichen Niedersachsen
In Südniedersachsen stellt sich die Situation wie folgt dar: im beobachteten Zeitraum waren die verschiedenen Einrichtungen im südlichenNiedersachsen zwischen 60 bis 83 % belegt. Dies sagt aber noch nichts über die Problematik im Einzelfall aus. Überlastung Alleinerziehender, Homeschooling Probleme, erkrankte Kinder und Großfamilien verschärfen die Problematik unter Lockdownbedingungen. Der Beratungsbedarf nimmt zu und damit die zeitlichen Bindungen der MitarbeiterInnen. „Die staatlichen Unterstützungssysteme greifen hier nicht“, so die Einschätzung von Fachleuten. Als eine konkrete Maßnahme zur Verbesserung der Situation an der Kreistag des Landkreises die Einrichtung einer Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt beschlossen. Dies ist eine erste Konsequenz aus der Erkenntnis , dass es in der Region noch erheblichen Handlungsbedarf bezüglich der Umsetzung der Istanbul-Konvention gibt.

Wie sieht es in den Bundesländern aus?
CORRECTIV.Lokal hat in den zuständigen Ministerien der Bundesländer die Angebote für das Jahr 2020 angefragt und sie mit der jeweiligen Bevölkerungszahl verglichen. Ernüchterndes Ergebnis: Lediglich zwei von 16 Bundesländern, die Stadtstaaten Bremen und Berlin, erfüllen die Vorgaben von Europarat und Istanbul-Konvention. Überall sonst herrscht Mangel. Sieben Bundesländer bieten sogar nur etwa halb so viele Plätze an wie gefordert. Hier in Niedersachsen fehlen nach dieser Berechnung über 70 Plätze Plätze. 
Die Zahlen für ihr Bundesland finden sie hier:
In der Pandemie droht das auf Kante genähte Hilfesystem endgültig aus den Fugen zu geraten. Das ist fatal, denn Frauenhäuser stellen gerade für besonders hilfsbedürftige Opfer Häuslicher Gewalt manchmal buchstäblich lebensrettende Einrichtungen dar. 

Am Beispiel zweier Bundesländer wird deutlich, wie schwierig es in manchen Regionen für Frauen ist, in der Not schnell sicher unterzukommen. In Nordrhein-Westfalen (NRW) meldeten neun der 70 Frauenhäuser, dass sie von November 2020 bis Ende Januar 2021 an keinem einzigen Tag neue Frauen und Kinder aufnehmen konnten. Auch die meisten restlichen Häuser in NRW waren an der Belastungsgrenze. In Hessen gab es im selben Zeitraum elf Tage, an denen kein einziges Frauenhaus mehr freie Plätze meldete, darunter die Weihnachtsfeiertage. 

CORRECTIV.Lokal hat 92 Mitarbeiterinnen aus Frauenhäusern aus 14 Bundesländern vertraulich zu ihren Erfahrungen während der Corona-Pandemie befragt. Mitarbeiterinnen berichten, dass sie Woche für Woche Frauen in Not abweisen müssen. Manchmal können die Frauen erfolgreich in eine andere Einrichtung vermittelt werden. Manchmal verliert sich ihre Spur nach einem gescheiterten anonymen Erstkontakt am Telefon und niemand kann sagen, was aus den Frauen geworden ist. 

„Der Platzmangel ist nur eine von vielen Baustellen, wo wir den Anforderungen der Istanbul-Konvention noch gar nicht gerecht werden“, sagt Elisabeth Oberthür vom Verein Frauenhauskoordinierung (FHK), der sich für die Interessen der Frauenhäuser einsetzt. Es müsse laut Istanbul-Konvention ein Gesamtkonzept geben, weil das Übereinkommen für Kommunen, Bundesländer und den Bund gelte. „Noch ziehen auch nicht alle Ebenen im gleichen Maße mit“, sagt die FHK-Sprecherin. 

Die Mitarbeiterinnen aus den Frauenhäusern berichten von weiteren Problemen, immer wieder geht es um die schwierige Finanzierung der Plätze. Eine Herausforderung sei auch, dass die durchschnittliche Verweildauer der Bewohnerinnen zunehme. Durch den vielerorts angespannte Mietmarkt ist es für viele Frauen schwierig, nach einem Aufenthalt eine bezahlbare Wohnung zu finden. 

Dass das Hilfesystem brüchig ist, hat inzwischen auch die Politik erkannt. Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) plant, 120 Millionen Euro für die Förderung von Hilfseinrichtungen bereitzustellen. Damit sollen auch neue Frauenhäuser gebaut werden. Die ersten Fördergelder seien vergangenes Jahr ausgezahlt worden, schreibt eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage von CORRECTIV. Die Corona-Pandemie und die ausgewerteten Belegungsdaten führen vor Augen, wie dringend dieses Geld benötigt wird. 

„Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von Radio Leinewelle mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org/haeusliche-gewalt“ 

RadioLeinewelle

Februar 15th, 2021

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