Buchkritik

Buchkritik: Catherine Belton – Putins Netz

Buchkritik: Catherine Belton – Putins Netz

Es ist ein Recherchemonster, Catherine Beltons Buch „ Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste“. Belton war in den Jahren 2007–2013 Auslandskorrespondentin der Financial Times in Moskau und arbeitet heute für die Nachrichtenagentur Reuters. Von der Fachwelt begeistert aufgenommen, dürfte das Buch als Standardwerk über die Entwicklungen in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelten. Wer sich auf das faktenschwere Werk einlässt, dem wird schnell klar, das es im russischen Staat keinen kompletten Neubeginn gab, sondern das alte Seilschaften, insbesondere des KGB die Nachwirren der Perestroika für ihre Zwecke nutzten. Insbesondere, um Zugriff auf die reichhaltigen Rohstoffreserven des Landes zu bekommen. Diese Werte wurden oftmals aus Staatshand in Unternehmen verschoben, die in Verbindung mit Geheimdienstleuten standen. Bolton zeichnet sehr detailliert die Entwicklung von Putin nach. Vom Geheimdienstoffizier in Dresden zur Wendezeit, über seiner Zeit als Leiter eines städtischen Komitees und Vizebürgermeister in Petersburg, bis hin zum kometenhaften Aufstieg zum russischen Präsidenten. Ausführlich wird in „Putins Netz“ das Geflecht der Oligarchen beschrieben, die als „Businessmen“ schnell zur Übernahme von Bankgeschäften und Rohstofffirmen schritten. Dem Leser entfaltet sich ein schier undurchschaubares Geflecht von Beziehungen zwischen Wirtschaft, Politik, Geheimdiensten, Justiz und organisiertem Verbrechen, welches demokratische Strukturen in Russland immer weiter zurückdrängte. 

Diese Entwicklung hatte nicht nur Auswirkungen in Russland. Ströme von russischen Kapital überfluteten Metropolen wie London, die Unterstützung Russlands von rechtspopulistischen Gruppen in Europa und den USA waren der nächste Schritt. In der Logik des Kreml war der Angriffskrieg in der Ukraine nur die Konsequenz daraus. 

„Putins Netz“ ist ein Buch mit hohem Erkenntniswert. Allerdings führt der Detailreichtum und die akribische Recherche beim Leser oft zu Ermüdungserscheinungen. Hier wäre ein Weniger mehr gewesen. Das Beängstige an diesem Buch ist das hier über die Jahre ein autokratisches System gewachsen ist, das nicht nur die russische Gesellschaft fest im Griff hat, sondern dem es auch gelungen ist, Teile der demokratischen Gesellschaft in Westeuropa über seinen wahren Charakter zu täuschen. Die Geschichte dieser Täuschung erzählt und dokumentiert zu haben, ist das große Verdienst von Catherine Belton. (ue)

RadioLeinewelle

August 18th, 2022

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