
Die Bühne war politisch gesetzt. Bei der SPD-Veranstaltung zum „Life Science Valley Niedersachsen“ am 27.02. wurde deutlich: Göttingen soll mehr sein als Universitätsstadt. Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne, Prof. Wolfgang Brück als Vertreter der Universitätsmedizin Göttingen und Oberbürgermeisterin Petra Broistedt signalisierten Rückenwind für eine Branche, die als Zukunftsindustrie gilt. Life Sciences sind nicht mehr nur Wissenschaft – sie sind Strukturpolitik. Göttingen verfügt mit der Georg-August-Universität Göttingen und ihren außeruniversitären Partnern über eine wissenschaftliche Dichte, die national Maßstäbe setzt. Mit der Life Science Factory existiert im Sartorius Quartier eine funktionierende Gründungsinfrastruktur. Unternehmen wie Sartorius bieten industrielle Anschlussfähigkeit. Das Fundament ist da. Was fehlt, ist die nächste Stufe.
Ein „Valley“ entsteht nicht durch Förderkulissen oder Veranstaltungstitel. Es entsteht durch Kapital, Skalierung und wiederkehrende Erfolgsgeschichten. Während München dreistellige Millionenrunden anzieht und Heidelberg Translation zur Systematik gemacht hat, steht Göttingen noch am Übergang von der starken Forschung zur starken Wertschöpfung.
Der Unterschied ist weniger dramatisch, als Kritiker behaupten – aber größer, als Optimisten zugeben wollen. Die politische Dynamik ist ein echter Standortvorteil. Life Sciences sind in Niedersachsen strategisch priorisiert. Doch jetzt entscheidet sich, ob aus strategischer Absicht strukturelle Veränderung wird: durch Beteiligungsfonds, durch Matching-Kapital, durch beschleunigte Ausgründungen und durch eine klare Profilbildung im Wettbewerb der Regionen.
Vielleicht liegt Göttingens Chance gerade nicht im Kopieren der großen Cluster. Die Stärke der Region ist ihre Dichte: kurze Wege zwischen Labor, Klinik und Industrie. Wenn es gelingt, diese Nähe systematisch in Geschwindigkeit zu übersetzen, kann hier ein eigenständiges Profil entstehen – kein lautes Valley, aber ein stabiles. Die SPD-Veranstaltung war kein Endpunkt. Sie war ein Signal.
Ob daraus ein Standortversprechen wird, das über Podien hinausreicht, entscheidet sich in den kommenden Jahren – nicht an Überschriften, sondern an Investitionssummen und Unternehmenszahlen. Standortentwicklung funktioniert über Netzwerke, wenig Bürokratie und bremsende Institutionen, herausragenden Wissenschaftler*innen und: Tempo.
Foto: Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne im Literaturhaus ©Radio Leinewelle (je)
