
Mit einer ebenso historischen wie überraschend aktuellen Ausstellung würdigt das Städtische Museum Göttingen das 125-jährige Jubiläum des Göttinger Gänseliesels. Unter dem Titel „Alle lieben Liesel?!“ erzählt die Schau nicht nur die Entstehungsgeschichte des berühmten Wahrzeichens, sondern öffnet auch den Blick auf Herstellungsprozesse, Deutungen, Rituale und Kontroversen rund um die wohl bekannteste Brunnenfigur der Stadt.
Bereits vor der offiziellen Eröffnung führte Kurator Henri Hoor Medienvertreterinnen und Medienvertreter durch die Ausstellung und machte deutlich, dass es ihm nicht nur um Rückschau geht, sondern auch um Beteiligung: „Es ist definitiv eine Ausstellung, die auch Spaß machen soll.“ So setzt die Schau bewusst auf Mitmach-Elemente. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, selbst in die Rolle des Gänseliesels zu schlüpfen, Fotos beizusteuern und an einer Abstimmungswand ihre Meinung zum berühmten Kussverbot kundzutun.

Im Zentrum der Ausstellung stehen zwei außergewöhnliche Exponate: das originale Göttinger Gänseliesel und ein lange kaum öffentlich gezeigter Zweitguss. Für Henri Hoor liegt genau darin einer der stärksten Momente der Schau: „Wir präsentieren den ersten originalen Guss und den bisher unbekannten Zweitguss jetzt zum allerersten Mal in der Öffentlichkeit.“ Damit wird eine kunsthistorisch wie stadtgeschichtlich spannende Frage unmittelbar erfahrbar: Was ist Original, was Replik, und wie entstehen überhaupt solche Bronzeplastiken?
Wir präsentieren den ersten originalen Guss und den bisher unbekannten Zweitguss jetzt zum allerersten Mal in der Öffentlichkeit.
Henri Hoor, Kurator
Die Ausstellung nähert sich dieser Frage nicht nur emotional, sondern auch technisch und wissenschaftlich. Seltene Fotografien, historische Modelle und die Einordnung durch Fachleute zeigen, wie aufwendig der Bronzeguss um 1900 war. Zugleich wird deutlich, warum der direkte Vergleich beider Figuren so aufschlussreich ist. Nach eingehender Analyse, so Hoor, sprechen zahlreiche Details dafür, dass das Göttinger Exemplar tatsächlich der Erstguss ist. „Wir wollten Sicherheit haben“, betont der Kurator mit Blick auf die Debatte um die Reihenfolge der beiden Fassungen.
Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte des Leipziger Zweitgusses. Er wurde einst an eine Industriellenfamilie verkauft, überdauerte Krieg und DDR-Zeit weitgehend abseits der Öffentlichkeit und gelangte erst nach 1990 wieder in private Hände. Für Göttingen ist seine jetzige Präsentation deshalb ein seltener Glücksfall. Hoor spricht von einer „einmaligen Gelegenheit, diese beiden Güsse nebeneinander zu betrachten“.
Doch die Ausstellung blickt weit über die beiden Figuren hinaus. Sie zeichnet nach, wie aus einem einfachen Marktbrunnen im Zuge eines Wettbewerbs von 1898 jenes Wahrzeichen entstand, das heute untrennbar mit Göttingen verbunden ist. Dabei wird auch die Biografie des Künstlers Paul Nisse sichtbar, der mit dem Gänseliesel sein bedeutendstes Werk schuf. Dass sich seine Brunnenfigur gegen andere Entwürfe durchsetzte, war keineswegs selbstverständlich, sondern das Ergebnis eines Wettbewerbs, von Diskussionen und kunstpolitischen Entscheidungen.

Spannend ist zudem, dass die Ausstellung das Gänseliesel nicht nur als beliebte Symbolfigur zeigt, sondern auch als Projektionsfläche gesellschaftlicher Debatten. Das berühmte Kussritual, das studentische Brauchtum, das historische Kussverbot von 1926 und moderne Fragen an Rollenbilder werden bewusst mitgedacht. Genau darin liegt die Aktualität der Schau: Sie fragt nicht nur, warum das Gänseliesel geliebt wird, sondern auch, warum es bis heute Widerspruch auslösen kann.

Einen kleinen, fast schon kabarettreifen Funfact hält die Ausstellung bereit: Im Wettbewerb um einen neuen Marktbrunnen kursierten einst auch deutlich skurrilere Ideen. Eine davon zeigte ausgerechnet einen jungen Bismarck als Göttinger Studenten, angeheitert mit Bierkrug um einen Neptun kreisend. Man kann also mit einiger Erleichterung sagen: Göttingen ist vieles geworden – ein Bismarck-Brunnen ist der Stadt immerhin erspart geblieben.
Ulf Engelmayer
Fotos: ©Radio Leinewelle Jutta Engelmayer
Öffnungszeiten Stadtmuseum:
Di. – Fr. 10.00 – 17.00 Uhr
Sa. + So. 11.00 – 17.00 Uhr
Jeden ersten Donnerstag im Monat bis 19.00 Uhr.
Webseite: Museum Göttingen
Instagram: museumgo
