ÖPNV in Göttingen unter Druck: Streit um Fahrplan offenbart grundlegenden Systemkonflikt

Zwischen Krisenmanagement und Verkehrswende

Die Diskussion um den neuen Fahrplan der Göttinger Verkehrsbetriebe hat sich in Göttingen längst von einer rein operativen Frage zu einem politischen und gesellschaftlichen Grundsatzkonflikt entwickelt. Im Kern steht die Frage, wie ein überlastetes System kurzfristig stabilisiert werden kann, ohne langfristig an Attraktivität zu verlieren – und wer dafür die Verantwortung trägt.

Aus Sicht der GöVB ist der eingeschlagene Kurs vor allem eine Reaktion auf massive strukturelle Probleme. Hohe Krankenstände, Überstunden und Personalmangel haben den Betrieb in eine Lage gebracht, in der ein dichter Fahrplan kaum noch zuverlässig einzuhalten ist. Der gewählte Ansatz lautet daher: weniger Angebot, dafür mehr Verlässlichkeit. Diese Logik wird auch von Teilen des Aufsichtsrats mitgetragen, etwa aus dem Umfeld der Bündnis 90/Die Grünen Göttingen. In einer Stellungnahme heißt es:
„Wichtig ist uns in solchen Situationen, dass ein verlässliches Busangebot besser ist als kurzfristig krankheitsbedingt auftretende Ausfälle.“ Gleichzeitig betonen die Vertreter, dass die aktuelle Situation Ausdruck struktureller Unterfinanzierung und Personalknappheit sei. „Die GöVB kann jedoch nur mit den personellen und finanziellen Ressourcen arbeiten, die ihr zur Verfügung stehen“, heißt es weiter, verbunden mit der Forderung, den ÖPNV langfristig besser auszustatten. 

Breite politische Kritik am Vorgehen

Deutlich schärfer fällt die Kritik aus der Kommunalpolitik aus, insbesondere von der Göttinger SPD. Zwar wird auch hier die Entlastung der Beschäftigten ausdrücklich unterstützt, doch das Vorgehen der Geschäftsführung stößt auf massiven Widerstand. Im Zentrum steht dabei weniger nur der Inhalt der Kürzungen als vielmehr die Art und Weise ihrer Umsetzung. So kritisiert die SPD, dass ein so weitreichender Fahrplanwechsel ohne ausreichende Abstimmung mit dem Aufsichtsrat erfolgt sei. Dazu die Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion, Insa Wiethaup: „Dass die Beschäftigten entlastet werden müssen, ist völlig richtig. Aber wer in einer solchen Lage tief in das Angebot eingreift, darf den Aufsichtsrat nicht einfach außen vorlassen.“ 

Auch inhaltlich lehnt die SPD den eingeschlagenen Kurs ab. Besonders der Wegfall von Nachtverbindungen und die Ausdünnung zentraler Linien werden als falsches Signal gewertet. Der verkehrspolitische Sprecher Volker Grothey bringt die Grundposition auf den Punkt: „Weniger Angebot kann nicht die Zukunft der GöVB sein.“ Damit formuliert die SPD einen klaren Gegenentwurf zur betriebswirtschaftlichen Argumentation der Verkehrsbetriebe: Nicht Stabilität durch Reduktion, sondern Stabilität durch strukturelle Verbesserungen und Ausbau des Angebots.

Fahrgastperspektive: Kritik an Qualität und Kommunikation

Noch stärker aus Nutzerperspektive argumentiert der PRO BAHN Südniedersachsen. Hier wird weniger der Fahrplanwechsel als solcher kritisiert, sondern die generelle Entwicklung der letzten Monate. Die anhaltenden Ausfälle werden als erhebliche Belastung wahrgenommen: „Die anhaltenden massiven Fahrtausfälle im Göttinger Stadtbusverkehr sind […] eine große Zumutung für die Fahrgäste“, erklärt der Vorsitzende Gerd Aschoff. 

Zugleich stellt der Verband die Frage, ob die Probleme nicht früher hätten abgefedert werden können. Das Personalproblem sei absehbar gewesen, entsprechende Gegenmaßnahmen hätten rechtzeitig ergriffen werden müssen. Interessanterweise plädiert PRO BAHN nicht grundsätzlich gegen einen Notfahrplan, sondern fordert im Gegenteil mehr Planbarkeit: „Ein auf mehrere Monate angelegter Notfahrplan [wäre] gegenüber kurzfristigen Einschränkungen die ehrlichere Vorgehensweise.“ 

Neben dem Angebot selbst wird auch die Qualität der Fahrgastinformation kritisiert – von defekten Anzeigen bis zu unzuverlässigen Echtzeitdaten. Damit erweitert sich die Debatte über den Fahrplan hinaus auf grundlegende Fragen der Servicequalität und Kommunikation.

Frequency is freedom
Jarrett Walker, US Berater Öffentlicher Verkehr

Stadt zwischen den Fronten

Die Stadt Göttingen befindet sich in dieser Situation in einer vermittelnden Rolle. Einerseits ist sie politisch verantwortlich für die Daseinsvorsorge und steht unter Druck, ein attraktives ÖPNV-Angebot sicherzustellen. Andererseits ist sie mit den realen betrieblichen Einschränkungen konfrontiert, die sich nicht kurzfristig auflösen lassen. Die Kritik der SPD macht jedoch deutlich, dass auch innerhalb der politischen Steuerung Unzufriedenheit darüber besteht, wie stark die Verwaltung und der Aufsichtsrat tatsächlich eingebunden sind.

Ein Konflikt mit struktureller Tiefe

Die Auseinandersetzung in Göttingen steht exemplarisch für ein grundlegendes Problem des öffentlichen Nahverkehrs, das auch in der Verkehrs­wissenschaft immer wieder beschrieben wird. Der Planer Jarrett Walker bringt die Bedeutung eines dichten Angebots mit dem oft zitierten Satz „Frequency is freedom“ auf den Punkt – ein Hinweis darauf, wie zentral Taktung für die tatsächliche Nutzbarkeit ist. Gleichzeitig verweist der Verkehrsökonom Herbert Baum auf den systemischen Zielkonflikt: „Der öffentliche Verkehr steht immer im Spannungsfeld zwischen betriebswirtschaftlicher Effizienz und verkehrspolitischer Daseinsvorsorge.“

Genau zwischen diesen beiden Polen bewegt sich aktuell auch die Diskussion in Göttingen. Während die Reduzierung des Angebots kurzfristig zur Stabilisierung beitragen kann, warnen viele Studien davor, dass Kürzungen langfristig eine Abwärtsspirale auslösen können – mit sinkenden Fahrgastzahlen und weiterem Druck auf das System. Die zentrale Herausforderung bleibt damit ungelöst: Wie lässt sich ein ÖPNV organisieren, der zugleich verlässlich, attraktiv und unter realen Bedingungen überhaupt betreibbar ist?
Ulf Engelmayer

Fotos: ©Radio Leinewelle (Jutta Engelmayer)

Radio Leinewelle
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.