„Day and Night für zehn Tage“ – Göttinger Literaturherbst präsentiert sein Festivalprogramm 2026

Gesa Husemann und Peter Herberhold – Leitung Literaturherbst

Der Göttinger Literaturherbst geht in seine 35. Ausgabe – und Literaturherbstpräsentiert sich dabei alles andere als altersmüde. Unter dem Motto „Bewegt bleiben“ bringt das Festival vom 2. bis 11. Oktober 2026 Literatur, Wissenschaft, gesellschaftliche Debatten und Musik nach Göttingen und an zahlreiche Spielorte in der Region. Bei der Vorstellung des Gesamtprogramms wurde deutlich: Der Literaturherbst will auch in diesem Jahr weit mehr sein als eine Folge prominenter Lesungen. „Literaturherbst Day and Night für zehn Tage“, brachte Geschäftsführer Hans-Peter Herbold den Anspruch zum Abschluss der Pressekonferenz auf den Punkt. Tatsächlich reicht das Spektrum von internationaler Belletristik über aktuelle politische und gesellschaftliche Debatten bis zu Wissenschaft, Musik, Graphic Novels und ungewöhnlichen Veranstaltungsformaten.

Ein Festival, das „bewegt bleiben“ will

Die künstlerische Verantwortung liegt künftig noch stärker bei Gesa Husemann. Sie ist seit dem 1. August beim Literaturherbst angestellt und übernimmt die künstlerische Leitung des Festivals, während sie zugleich Geschäftsführerin des Literarischen Zentrums bleibt. Hans-Peter Herbold bleibt in der Geschäftsführung des Literaturherbstes. Der Übergang soll bewusst langfristig und ohne Bruch gestaltet werden. Das Motto „Bewegt bleiben“ passt damit auch zum Festival selbst. Husemann formulierte bei der Programmvorstellung den Anspruch, mit Literatur „Geschichten und Bewegung in die Gemüter“ zu bringen. Zugleich wolle man Räume für Begegnungen, Perspektivwechsel und Austausch schaffen. Dazu gehört weiterhin die Verbindung von Präsenzveranstaltungen und digitalem Angebot. Das während der Pandemie entwickelte Format Literaturherbst On Air bleibt bestehen. Veranstaltungen können damit über Göttingen hinaus verfolgt beziehungsweise später nachgesehen werden. Die Beiträge stehen bis Ende November zur Verfügung.

Edgar Selge eröffnet – Colson Whitehead kommt nach Göttingen

Die belletristische Eröffnung übernimmt Edgar Selge. In seinem neuen Buch Juras letzter Winter verbindet er die Geschichte eines Jungen während der Blockade Leningrads mit der Gegenwart des Erzählers. Ein literarisch anspruchsvoller und bewusst ernster Auftakt.

Zu den großen Namen des Programms gehören außerdem Dörte HansenSven RegenerJaroslav RudišSeyda KurtLouise KennedyDaniel Donskoy und Colson Whitehead. Der zweifache Pulitzer-Preisträger kommt für einen von lediglich drei Deutschlandterminen nach Göttingen und präsentiert den Abschluss seiner Harlem-Reihe. Auch Caroline Wahl kehrt zum Literaturherbst zurück. Mit ihren bisherigen Romanen 22 Bahnen und Windstärke 17 wurde sie zu einer der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der vergangenen Jahre.

Ein besonderer Publikumsmagnet dürfte außerdem Robert Habeck werden. Nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik beschäftigt er sich in Arctic Meltdown mit der Arktis als einem Raum, in dem Klimawandel, Rohstoffinteressen und geopolitische Machtfragen unmittelbar aufeinandertreffen. Die Festivalleitung rechnet offenbar mit erheblicher Nachfrage und hält nach eigenen Angaben bereits eine mögliche zweite Veranstaltung bereit.

Von der Weltlage bis zum Fitnessstudio

Gerade das Sachbuchprogramm versteht der Literaturherbst als eine Art Seismograf der Gegenwart. Gesa Husemann beschrieb den Ansatz bei der Pressekonferenz als Versuch, die Weltlage „abzuhorchen“. Das zeigt sich unter anderem bei Annette Dittert, die ihren Blick auf Großbritannien mitbringt, und beim Wissenschaftsjournalisten Dirk Steffens, der mit Hoffnungslos optimistisch dafür argumentiert, stärker auf Lösungen als ausschließlich auf Krisen zu schauen. Ingo Zamperoni bringt gemeinsam mit seiner Frau, der Journalistin Jiffer Bourguignon, den Podcast Amerika, wir müssen reden! live nach Göttingen.

Auch Demokratie, Rechtspopulismus und politische Kommunikation ziehen sich durch das Programm. Ein PEN-Talk soll etwa der Frage nachgehen, wie ein konstruktives gesellschaftliches Miteinander wieder gelingen kann. Mit dabei sind unter anderem Konstantin Schreiber und Elke Schmitter. Der Literaturherbst sucht dabei immer wieder Orte, die zum jeweiligen Thema passen. Verena Kesslers Roman Gym wird beispielsweise im Fitnesszentrum der Universität vorgestellt – zwischen Hanteln und Trainingsgeräten. Gerade solche Verbindungen zwischen Text und Ort gehören inzwischen zum Markenzeichen des Festivals.

Wissenschaft zwischen KI, Einsamkeit und Demokratie

Eine eigene Säule bildet erneut die Wissenschaftsreihe, die von vier Göttinger Max-Planck-Instituten und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek unterstützt wird. Zehn Veranstaltungen sind geplant, überwiegend in der Paulinerkirche. Zu den Themen gehören Künstliche Intelligenz, Evolution, Fledermäuse, die Geschichte des Universums und der Umgang mit Unsicherheit. Katharina Zweig beschäftigt sich etwa mit der Frage, weshalb Sprachmodelle zwar überzeugend und scheinbar reflektiert auftreten können, daraus aber nicht automatisch tatsächliches Denken folgt. Andere Abende richten den Blick stärker auf gesellschaftliche Fragen: Einsamkeit, Zuhören, moralische Haltung, die Attraktivität autoritärer Bewegungen und die Frage nach einem wieder handlungsfähigeren Staat stehen auf dem Programm.

Musik trifft Literatur

Dass der Literaturherbst Bücher nicht isoliert betrachtet, zeigt sich besonders in den musikalischen Veranstaltungen. Gemeinsam mit dem Göttinger Jazzfestival erinnert das Festival an Miles Davis. Schauspieler und Synchronsprecher Christian Brückner, bekannt unter anderem als deutsche Stimme Robert De Niros, trifft dabei auf das Martin Auer Quintett. Auch die Trompete bekommt einen besonderen Auftritt: Harald Eggebrecht und der international renommierte Trompeter Håkan Hardenberger beschäftigen sich mit Geschichte und Gegenwart des Instruments. Bei Writing Sounds wiederum sollen Literatur und Musik unmittelbar im Moment entstehen: Texte und Improvisation reagieren live aufeinander.

Bjarne Mädel, Fritzi Haberland und kontrolliertes Hassen

Auch der Humor bekommt seinen Raum. Bjarne Mädel kommt gemeinsam mit Fritzi Haberlandt zum Festival. Sie bringen Texte von Ingrid Lausund auf die Bühne, die unter anderem als Autorin des Tatortreinigers bekannt ist. Julius Fischer widmet sich erneut seiner besonderen Form des literarisch-musikalischen Hassens, während Annette Frier und Maren Kroymann literarische Freundinnenschaften aufgreifen. Das Improvisationstheater Impronauten soll sich sogar das gesamte Festivalprogramm vornehmen – und daraus spontan Szenen entwickeln.

Der Literaturherbst geht in die Region

Der Literaturherbst bleibt dabei ausdrücklich kein reines Göttinger Innenstadtfestival. Veranstaltungen führen unter anderem nach Einbeck, Duderstadt, Northeim, Bad Gandersheim, Dransfeld und Hattorf.

Sarah Kuttner ist beispielsweise am 3. Oktober in Dransfeld zu erleben. In Einbeck gibt es mehrere Veranstaltungen, unter anderem im PS.SPEICHER und im Biotechnikum der KWS. Das 50. Jubiläum des Roswitha-Literaturpreises wird gemeinsam mit dem neu gegründeten Literaturhaus Bad Gandersheim begleitet. Auch nach 35 Jahren erschließt sich das Festival neue Orte. Dazu gehören unter anderem Kirchen, eine Seniorenresidenz und andere Spielstätten, die bislang noch nicht Teil des Literaturherbstes waren. Gerade diese Mischung aus prominenten Namen, ungewöhnlichen Räumen und regionaler Verankerung macht einen wesentlichen Teil des Konzepts aus.

Barriereärmere Angebote und Junge Literatur

Vier Veranstaltungen werden in diesem Jahr simultan in Deutsche Gebärdensprache übersetzt. Dazu gehören unter anderem Veranstaltungen mit Mandy Mangler und Esther Kogelboom, Peter Wohlleben sowie Bjarne Mädel und Fritzi Haberlandt. Das Theaterduo STILL präsentiert zudem Ein Skandal in Böhmen nach Arthur Conan Doyle in einfacher Sprache – kostenfrei in Göttingen und Osterode. Mit dem Jungen Herbst richtet sich ein eigener Programmbereich an ein jüngeres Publikum und greift dabei auch Themen auf, die in klassischen Literaturformaten lange wenig Raum hatten. Dazu gehören Frauengesundheit, Körperwissen, gesellschaftliche Rollenbilder und Graphic Novels.

Das Kunstquartier wird zum Festivalzentrum

Ein wichtiger Treffpunkt bleibt das Göttinger Kunstquartier. Das Kunsthaus wird erneut Festivalzentrum. Während der zehn Festivaltage soll dort nicht nur Literatur stattfinden: Ausstellungen, verlängerte Öffnungszeiten der Cafés und weitere Kulturangebote sollen das Quartier auch zwischen den einzelnen Veranstaltungen beleben. Die große Ausstellung von Martin Schoeller im Kunsthaus soll während des Festivals kostenlos zugänglich sein. Hinzu kommen unter anderem eine Ausstellung zu Günter Grass und Hans Christian Andersen im Günter-Grass-Archiv sowie eine Ausstellung der Galerie Ahlers zu 55 Jahren Ton Steine Scherben.

Gerade dieses Ineinandergreifen unterschiedlicher Kulturformen sieht Hans-Peter Herbold als besondere Stärke des Göttinger Literaturherbstes. Literatur, Wissenschaft, Musik, Kunst und Stadtgesellschaft sollen nicht nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig ergänzen. amit beschreibt „Literaturherbst Day and Night“ ziemlich genau, wohin sich das Festival in seinem 35. Jahr bewegt: weg von der einzelnen klassischen Autorenlesung, hin zu einem zehntägigen Kulturraum, der Göttingen und die Region miteinander verbindet.

Infobox: 35. Göttinger Literaturherbst 2026

Festival: 35. Göttinger Literaturherbst
Motto: „Bewegt bleiben“
Zeitraum: 2. bis 11. Oktober 2026
Festivalzentrum: Kunstquartier/Kunsthaus Göttingen
Spielorte: Göttingen sowie zahlreiche Orte in Südniedersachsen, unter anderem Einbeck, Duderstadt, Northeim, Bad Gandersheim, Dransfeld, Hattorf und Osterode
Programm: Belletristik, Sachbuch, Wissenschaft, Musik, Feministischer Herbst, Junger Herbst, Graphic Novels, Performances und barriereärmere Angebote
Digital: Literaturherbst On Air – Veranstaltungen können teilweise online verfolgt bzw. bis Ende November abgerufen werden
Vorverkaufsstart: 13. August 2026
Künstlerische Leitung: Gesa Husemann
Geschäftsführung: Hans-Peter Herbold
Wissenschaftsreihe: zehn Veranstaltungen, überwiegend um 19 Uhr in der Paulinerkirche
Barrierefreiheit: vier Veranstaltungen mit Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache sowie Angebote in einfacher Sprache

Ulf Engelmayer

Fotos: ©Radio Leinewelle (ue/je))

Radio Leinewelle
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.