Schulstraße am Prinzenanger: Eine halbe Stunde ohne Elterntaxis

Eine halbe Stunde ohne Elterntaxis direkt vor dem Schultor: Am Prinzenanger bei der Höltyschule in Göttingen gilt morgens eine sogenannte Schulstraße. Zwischen 7.30 und 8 Uhr wird die Sackgasse für den Autoverkehr gesperrt. Die Maßnahme ist Teil eines auf ein Jahr befristeten Pilotprojekts, an dem mehrere Göttinger Schulen beteiligt sind. Ziel ist es, den morgendlichen Bringverkehr zu entzerren und Kindern einen sichereren und selbstständigeren Schulweg zu ermöglichen.

Enger Straßenraum, viele Kinder und wendende Autos

Wer sich den Prinzenanger morgens kurz vor Unterrichtsbeginn anschaut, versteht schnell, warum gerade hier eine Schulstraße eingerichtet wurde. Die Zufahrt zur Höltyschule endet als Sackgasse. Gehwege sind nicht durchgehend vorhanden. Gleichzeitig müssen Autos, die Kinder direkt zur Schule bringen, auf engem Raum wenden oder rückwärts wieder aus der Straße herausfahren. Genau darin habe über Jahre das größte Problem gelegen, schildert die Schulleitung. Seit 18 Jahren habe es glücklicherweise keinen entsprechenden Unfall gegeben. Dennoch seien gefährliche Situationen praktisch täglich zu beobachten gewesen. Mehrfach hätten sich deshalb auch Elterninitiativen für Absperrungen, Poller oder eine Schranke eingesetzt.

Hinzu kommt: Die Höltyschule mit rund 170 Schülerinnen und Schülern ist nicht die einzige Bildungseinrichtung in diesem Bereich. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt ein Kindergarten. Auch das Theodor-Heuss-Gymnasiumbefindet sich im Umfeld der Höltyschule und ist in die Schulstraßen-Regelung beziehungsweise das Pilotprojekt an diesem Standort einbezogen. Entsprechend viele Kinder und Jugendliche sind morgens auf unterschiedlichen Wegen in diesem Bereich unterwegs. Die Schulleitung beschreibt vor allem das Wenden und Rückwärtsfahren in der engen Sackgasse als problematisch. Die neue Regelung soll diesen Konflikt nun zumindest während der entscheidenden morgendlichen halben Stunde weitgehend vermeiden.

Was eine Schulstraße eigentlich ist

Der Begriff „Schulstraße“ kann zunächst etwas missverständlich sein. Der Prinzenanger wird nicht dauerhaft zur Fußgängerzone und auch nicht grundsätzlich für Autos gesperrt. Vielmehr wird der unmittelbare Bereich vor der Schule zeitlich begrenzt vom motorisierten Bringverkehr freigehalten. Am Prinzenanger gilt die Sperrung morgens von 7.30 bis 8 Uhr. Gerade in dieser Zeit kommen besonders viele Schülerinnen und Schüler gleichzeitig an.

Für Eltern, die auf das Auto angewiesen sind, bedeutet die Schulstraße deshalb nicht zwangsläufig, dass sie ihr Kind überhaupt nicht mehr fahren können. Sie sollen allerdings nicht mehr bis unmittelbar vor den Schuleingang fahren. Im Umfeld stehen dafür vorgesehene Haltemöglichkeiten zur Verfügung. Von dort können die Kinder das letzte Stück zu Fuß zurücklegen. Zum Start der Regelung wurden die vorgesehenen Halteplätze allerdings teilweise noch von parkenden Fahrzeugen blockiert. Das Ordnungsamt setzte zunächst auf Hinweise und Verwarnungen. Schule und Stadt rechnen damit, dass sich die neue Situation in den kommenden Tagen und Wochen einspielen muss.

Das Problem mit dem gut gemeinten „Elterntaxi“

Die Göttinger Schulstraße steht dabei für eine Diskussion, die bundesweit geführt wird. Das Paradoxe am sogenannten Elterntaxi: Eltern bringen ihre Kinder häufig mit dem Auto, weil sie ihnen einen sicheren und bequemen Schulweg ermöglichen wollen. Treffen aber viele dieser Fahrzeuge gleichzeitig unmittelbar vor einer Schule ein, kann genau dadurch eine neue Gefahr entstehen. Typische Probleme sind Staus vor Schulen, Wendemanöver auf engem Raum, Halten in zweiter Reihe oder in Verbotsbereichen sowie unübersichtliche Situationen beim Ein- und Aussteigen. Besonders problematisch wird es, wenn sich zu Fuß gehende Kinder, Fahrräder und Autos auf engem Raum begegnen.

Das Thema betrifft keineswegs nur einzelne Schulen. Nach einer Befragung der ADAC Stiftung aus dem Jahr 2025 werden 19 Prozent der Grundschulkinder täglich mit dem Auto zur Schule gebracht, weitere neun Prozent mindestens an jedem zweiten Schultag. Gleichzeitig lehnen 58 Prozent der befragten Eltern Elterntaxis grundsätzlich ab. 56 Prozent sehen durch sie gefährliche Verkehrssituationen vor Schulen.

Interessant ist auch, warum Eltern ihre Kinder fahren. Nach der Befragung stehen nicht in erster Linie unsichere Schulwege dahinter. Häufiger genannt werden Anschlusstermine, schlechtes Wetter, die Lage der Schule auf dem Arbeitsweg oder Zeitersparnis. Nur zwölf Prozent nannten mangelnde Verkehrssicherheit als Grund. Damit zeigt sich ein grundlegender Konflikt: Was für die einzelne Familie praktisch und sicher erscheinen kann, kann in der Summe aller Fahrzeuge die Situation vor einer Schule unübersichtlicher und gefährlicher machen.

Schulweg ist auch Verkehrserziehung

Die Schulstraße verfolgt deshalb noch ein zweites Ziel: Kinder sollen lernen, sich selbstständig im Straßenverkehr zu bewegen. Darauf weist auch Herr Arnecke von der Verkehrswacht Göttingen hin. Arnecke warb am Prinzenanger ausdrücklich dafür, Kindern mehr Selbstständigkeit zuzutrauen. Eltern, die ihr Kind mit dem Auto bringen müssen, könnten ihr Fahrzeug in einiger Entfernung abstellen und das Kind den restlichen Weg gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Schülern gehen lassen.

Kinder entwickeln Verkehrskompetenz nicht als Mitfahrende auf dem Rücksitz, sondern vor allem dadurch, dass sie lernen, Wege zunehmend selbstständig zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Roller zurückzulegen. Bewegung auf dem Schulweg kann darüber hinaus Selbstständigkeit, körperliche Fitness und soziales Verhalten fördern. Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf die Schulstraße: Sie ist nicht nur eine Einschränkung für Autofahrer. Sie soll vor der Schule einen Raum schaffen, in dem Kinder und Jugendliche stärker als eigenständige Verkehrsteilnehmer wahrgenommen werden.

Eltern wurden frühzeitig einbezogen

Entscheidend für die Akzeptanz dürfte sein, wie Eltern und Anwohner mitgenommen werden. An der Höltyschule wurde die neue Regelung deshalb im Vorfeld angekündigt und diskutiert. Für die Eltern der neuen Erstklässler gab es einen eigenen Elternabend unter Beteiligung von Stadt und Polizei. Die übrige Elternschaft wurde unter anderem per E-Mail sowie über Elternrat und schulische Gremien informiert.

Auch die Stadt verweist auf die Zusammenarbeit mit Schulen, Polizei, Verkehrswacht und Ordnungsbehörde. Im „Runden Tisch Schulwegsicherheit“ werden regelmäßig Möglichkeiten beraten, gefährliche Situationen auf Schulwegen zu entschärfen. Die Schulstraße ist damit keine isolierte Einzelmaßnahme. Sie steht zugleich im Zusammenhang mit den politischen Beschlüssen zur Verbesserung der Schulwegsicherheit und mit Forderungen aus dem Göttinger Radentscheid.

Ein Jahr Testphase an mehreren Göttinger Schulen

Die Regelung am Prinzenanger ist Teil eines auf ein Jahr befristeten Pilotprojekts der Stadt Göttingen. Neben dem Standort von Höltyschule und Theodor-Heuss-Gymnasium sind die Brüder-Grimm-Schule und die Godehardschule beteiligt. An den unterschiedlichen Standorten soll erprobt werden, ob zeitlich begrenzte Sperrungen des unmittelbaren Schulumfelds dazu beitragen können, gefährliche Situationen durch den morgendlichen Bringverkehr zu reduzieren. Die einjährige Laufzeit ermöglicht dabei mehr als eine Momentaufnahme. Stadt und Schulen können beobachten, wie sich die Verkehrsströme über einen längeren Zeitraum verändern und ob sich neue Routinen entwickeln. Entscheidend wird beispielsweise sein, ob Eltern die vorgesehenen Hol- und Bringmöglichkeiten annehmen und ob mehr Kinder zumindest den letzten Abschnitt ihres Schulwegs selbstständig zurücklegen.

Genauso wichtig ist die Frage nach möglichen Verlagerungseffekten. Denn eine Schulstraße löst nicht automatisch sämtliche Verkehrsprobleme. Verlagert sich der Bringverkehr lediglich um einige hundert Meter und entstehen dort neue gefährliche Halte- und Wendemanöver, wäre wenig gewonnen. Deshalb gehören geeignete Hol- und Bringzonen ebenso zum Konzept wie sichere Fußwege von diesen Punkten bis zur Schule.

Vom Verkehrsversuch zum Göttinger Modell?

Nach dem Pilotjahr sollen die Erfahrungen ausgewertet werden. Dann wird sich zeigen, ob und in welcher Form Schulstraßen dauerhaft eingerichtet oder auf weitere Göttinger Schulstandorte übertragen werden können. Dabei wird es nicht allein darauf ankommen, ob morgens weniger Autos unmittelbar vor den Schultoren stehen. Interessant ist auch, ob sich das Mobilitätsverhalten verändert: Werden Kinder häufiger zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule geschickt? Funktionieren die Alternativen zum direkten Vorfahren? Und akzeptieren Eltern eine Regelung dauerhaft, die ihnen möglicherweise einen zusätzlichen Fußweg abverlangt?

Am Prinzenanger beginnt damit mehr als nur eine neue Verkehrsregelung für eine halbe Stunde am Morgen. Gemeinsam mit den anderen beteiligten Schulen wird ein Jahr lang erprobt, ob Schulstraßen ein geeignetes Instrument für mehr Sicherheit auf dem Schulweg in Göttingen sein können. Die ersten Eindrücke am Prinzenanger waren dabei auffällig unspektakulär: Es blieb vergleichsweise ruhig. Für eine Schulstraße dürfte genau das ein gutes Zeichen sein.

Laufzeit: zunächst auf ein Jahr befristet

Beteiligte Schulen: Höltyschule, Theodor-Heuss-Gymnasium, Brüder-Grimm-Schule und Godehardschule

Standort Höltyschule/THG: Prinzenanger, Göttingen

Regelung am Prinzenanger: zeitweise Sperrung der Sackgasse für den motorisierten Verkehr

Zeit: morgens von 7.30 bis 8.00 Uhr

Ziel: weniger Bringverkehr unmittelbar vor den Schulen, weniger Konflikte durch Elterntaxis und höhere Schulwegsicherheit

Besondere Situation am Prinzenanger: enge Sackgasse, teilweise fehlender durchgehender Gehweg sowie mehrere Bildungs- und Betreuungseinrichtungen im Umfeld

Alternative für Elterntaxis: vorgesehene Haltemöglichkeiten im weiteren Umfeld; von dort soll der restliche Schulweg zu Fuß zurückgelegt werden

Begleitung: Stadt Göttingen, Schulen, Polizei, Verkehrswacht und Ordnungsbehörde

Evaluation: Die Erfahrungen während der einjährigen Pilotphase sollen ausgewertet werden.

Perspektive: Bei positiven Erfahrungen kann das Modell Grundlage für weitere Schulstraßen in Göttingen werden.

Ulf Engelmayer

Fotos: ©Radio Leinewelle (ue)

Radio Leinewelle
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