
In der Göttinger Goetheallee ist am Freitag ein neues Parklet eröffnet worden. Wo bislang zwei Autos stehen konnten, gibt es nun Sitzplätze, Pflanzen und Raum für Begegnung. Zwei Monate lang soll ausprobiert werden, wie die neue Nutzung angenommen wird. Was auf den ersten Blick wie eine kleine hölzerne Sitzlandschaft aussieht, berührt allerdings eine der großen Fragen gegenwärtiger Stadtentwicklung: Wem gehört eigentlich der öffentliche Raum?
Es sind gerade einmal zwei Parkplätze vor der Goethe-Allee 18. Trotzdem dürfte das neue Parklet Gesprächsstoff liefern. Denn kaum etwas wird in deutschen Städten so emotional diskutiert wie die Neuverteilung von Straßenraum. Auf Initiative des Klimabeirates der Stadt Göttingen wurde das Parklet am Freitag, 14. August, eröffnet. Finanziert wurde es mit Unterstützung von Alumni Göttingen, gebaut von der Werkstatt des Deutschen Theaters und transportiert beziehungsweise eingelagert von der Zufall Logistics Group. Zwei Monate soll es zunächst in der Goetheallee bleiben. Begleitet wird der Versuch vom Geographischen Institut der Universität Göttingen. Befragungen vor und nach dem Projekt sollen zeigen, ob sich die Wahrnehmung der Menschen verändert – und ob aus anfänglicher Skepsis möglicherweise Zustimmung wird.
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Parklets machen die Konflikte im städtischen Verkehrsraum sichtbar
Stadtbaurat Frithjof Look stellte das Projekt bei der Eröffnung in einen größeren Zusammenhang. Die Stadt beschäftige sich grundsätzlich mit der Frage, wie öffentliche Räume anders genutzt werden könnten. Dabei gehe es insbesondere um Orte, die allen Menschen ohne Konsumzwang zur Verfügung stehen. Für die Goetheallee formulierte Look die Frage durchaus zugespitzt: Die Straße könne eben „nicht nur als Durchrauschmeile für Autoposer“ gesehen werden, sondern auch als öffentlicher Raum, der insbesondere in den Abendstunden anders genutzt werden könne. Damit trifft das kleine Parklet einen Konflikt, der weit über die Goetheallee hinausgeht. Straßen sind über Jahrzehnte vor allem als Verkehrs- und Abstellflächen für Autos geplant worden. Inzwischen beanspruchen Fußgänger, Radverkehr, Gastronomie, Begrünung und Aufenthaltsflächen zunehmend einen Teil dieses Raumes zurück. Parklets machen diesen Konflikt besonders sichtbar, weil sie nicht irgendwo auf einer ohnehin freien Fläche entstehen. Sie zeigen ganz konkret: Hier stand vorher ein Auto – jetzt sitzen hier Menschen.
Eine Idee, die längst international geworden ist
Erfunden wurde das Prinzip nicht in Göttingen. Als ein Ausgangspunkt der Parklet-Bewegung gilt San Francisco. Dort wurde Mitte der 2000er-Jahre im Rahmen der Aktion „PARK(ing) Day“ erstmals demonstrativ ein Parkplatz zeitweise in einen kleinen öffentlichen Aufenthaltsraum verwandelt. Aus der zunächst provokanten Intervention wurde ein Instrument der Stadtplanung. Parklets verbreiteten sich über zahlreiche Städte in Nordamerika und Europa. Auch in Deutschland gibt es sie längst. Berlin hat Parklets in verschiedenen Quartieren erprobt und gefördert. München entwickelte Programme für sogenannte Sommerstraßen und Parklets. In Hamburg, Stuttgart und Frankfurt entstanden ebenfalls Projekte, bei denen Stellplätze zeitweise zu Sitz-, Spiel- oder Grünflächen wurden. Genau diese Erfahrungen hat sich auch der Göttinger Klimabeirat angesehen. Bei der Eröffnung berichteten die Initiatoren, man habe unter anderem Erfahrungen und Bauanleitungen aus München, Hamburg und Berlin ausgewertet.
Erst Skepsis, dann Zustimmung?


Interessant ist dabei weniger, ob ein Parklet technisch funktioniert. Spannender ist die gesellschaftliche Reaktion. Denn die ersten Reaktionen fallen vielerorts ähnlich aus: Warum müssen dafür Parkplätze verschwinden? Wer nutzt die Fläche tatsächlich? Entstehen Lärm oder Müll? Und warum soll eine kleine Gruppe von Menschen eine Fläche nutzen dürfen, auf der vorher ein Auto stehen konnte? Genau deshalb ist die wissenschaftliche Begleitung des Göttinger Versuchs interessant. Der Klimabeirat will ausdrücklich herausfinden, wie die Bevölkerung das Projekt bewertet. Bei der Eröffnung wurde auf Erfahrungen unter anderem aus Hamburg und München verwiesen: Dort habe es vor Projekten teilweise erhebliche Skepsis gegeben, während die Bewertung nach der praktischen Erfahrung deutlich positiver ausgefallen sei. Ob sich dieser Effekt auch in Göttingen zeigt, soll nicht vermutet, sondern untersucht werden. Das macht aus dem Parklet mehr als eine Sitzbank mit Blumenkästen. Es wird zu einem kleinen stadtpolitischen Experiment.
Parklets sind für uns alle mehr als nur Bänke und Blumen
Sprecher Forum Waageplatzviertel
Göttingen hat bereits Erfahrungen
Ganz neu ist die Idee auch in Göttingen nicht. Im Bereich Obere/Untere Maschstraße existiert bereits seit mehreren Jahren ein Parklet. Außerdem hat die Stadt an anderer Stelle Sitzgelegenheiten und Begrünungen geschaffen, um öffentlichen Raum ohne Konsumzwang anzubieten. Die Erfahrungen aus dem Waageplatzviertel sind dabei durchaus positiv. Vertreter der Nachbarschaft berichteten bei der Eröffnung in der Goetheallee davon, dass dort eine „gemütliche Oase zum nachbarschaftlichen Beisammensein“ entstanden sei. Parklets seien mehr als Bänke und Blumen, hieß es. Sie könnten Orte zum Verweilen ohne Konsumzwang schaffen, Nachbarschaften stärken und zugleich sichtbar machen, wie viel Fläche einer Stadt gegenwärtig ausschließlich von Autos beansprucht wird. Allerdings zeigt die Erfahrung auch: Ein Parklet funktioniert nicht allein dadurch, dass man es aufstellt. Pflanzen müssen gegossen, Müll entfernt und die Fläche gepflegt werden. In der Goetheallee soll deshalb auch die Nachbarschaft Verantwortung übernehmen. Einzelhändler stellen unter anderem Wasser zur Verfügung. Gerade diese Kooperation ist ein bemerkenswerter Teil des Projekts: Klimabeirat, Universität, Alumni, Deutsches Theater, Logistikunternehmen, Gewerbetreibende und Anwohner tragen jeweils einen Teil bei.
Kleine Fläche, große Debatte
Natürlich wird ein Parklet auf zwei Stellplätzen weder das Stadtklima retten noch die Verkehrsprobleme Göttingens lösen. Darin liegt aber auch nicht seine eigentliche Bedeutung. Es macht eine abstrakte Debatte konkret. Was passiert, wenn eine Fläche von vielleicht 20 oder 25 Quadratmetern nicht mehr dem Abstellen privater Fahrzeuge dient, sondern zum öffentlichen Aufenthaltsraum wird? Wird sie genutzt? Entsteht dort tatsächlich Begegnung? Empfinden Anwohner sie als Bereicherung oder als Störung? Und vor allem: Ändert sich die Bewertung, wenn Menschen eine solche Veränderung nicht nur auf einem Plan sehen, sondern zwei Monate lang erleben können? Insofern ist die Goetheallee ein geeigneter Ort für den Versuch. Die Straße ist Verkehrsachse, Wohnstraße, Verbindung zur Innenstadt und immer wieder Gegenstand verkehrspolitischer Diskussionen. Die Stadt plant ohnehin Veränderungen mit Markierungen und einer Reduzierung von Stellplätzen. Das Parklet greift dieser Diskussion im Kleinen vor.
Um was es geht
Das vielleicht treffendste Zitat der Eröffnung kam deshalb aus der Nachbarschaft:“ „Parklets sind für uns alle mehr als nur Bänke und Blumen„. Denn am Ende geht es tatsächlich nicht um die Frage, ob eine Holzbank schöner ist als ein Parkplatz.Es geht um die grundlegendere Frage, welchen Wert öffentlicher Raum besitzt – und wie viel davon eine Stadt für Verkehr, wie viel für abgestellte Fahrzeuge und wie viel für Begegnung, Grün und Aufenthalt reservieren möchte. Die Goetheallee liefert darauf zunächst keine endgültige Antwort. Aber für zwei Monate bietet sie einen ziemlich anschaulichen Versuch.
Infobox: Parklet Goetheallee

Standort: Goethe-Allee 18, Göttingen
Eröffnung: 14. August 2026
Versuchszeitraum: zunächst zwei Monate
Fläche: zwei bisherige Pkw-Stellplätze
Initiative: Klimabeirat der Stadt Göttingen
Finanzierung: Alumni Göttingen e.V.
Bau: Deutsches Theater Göttingen
Transport/Lagerung: Zufall Logistics Group
Wissenschaftliche Begleitung: Geographisches Institut der Universität Göttingen
Ziel: Untersuchung von Nutzung, Akzeptanz und Wahrnehmung des umgewandelten Straßenraums
Ulf Engelmayer
Foto: ©Radio Leinewelle (ue)
