DT Göttingen – „neunzehnhundertzweiundvierzig“ – Wenn die Stadt selbst zum Erinnerungsraum wird

„neunzehnhundertzweiundvierzig“ verbindet einen emotionalen Audiowalk mit einem dokumentarischen Theaterabend über Deportation und Zwangsarbeit in Göttingen. Die Inszenierung von Gernot Grünewald ist bedrückend, wichtig – im zweiten Teil aber stellenweise überladen.

Es war ein langer Abend: Rund zwei Stunden und 40 Minuten lang machte das Rechercheprojekt „neunzehnhundertzweiundvierzig – MemoRails Göttingen“ ein verdrängtes Kapitel der Göttinger Stadtgeschichte sichtbar. Autor und Regisseur Gernot Grünewald erinnert an die Deportation der letzten in Göttingen verbliebenen Jüdinnen und Juden im Jahr 1942 und an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die anschließend in die Stadt gebracht wurden.

Die Uraufführung am Deutschen Theater verbindet einen Audiowalk durch die Innenstadt mit einer dokumentarischen Theateraufführung an der Probebühne im alten Güterbahnhofsbereich.

Regisseur Gernot Grünewald

Auf dem letzten Weg von Anna Rosenberg

Ausgangspunkt des Projekts ist der 21. Juli 1942. An diesem Tag musste sich eine Gruppe von 50 Menschen vom Albaniplatz zum Göttinger Bahnhof begeben. Bis auf wenige Ausnahmen waren es die letzten jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner, die noch in der Stadt lebten. Über Hildesheim und Hannover wurden sie nach Theresienstadt deportiert. Unter ihnen befand sich die 84-jährige Anna Rosenberg.

Der Theaterabend beginnt am Deutschen Theater. Das Publikum wird in drei Gruppen aufgeteilt und mit Kopfhörern ausgestattet. Der anschließende, etwa einstündige Audiowalk führt durch Teile der Göttinger Innenstadt und folgt Stationen, die auch auf dem letzten Weg Anna Rosenbergs gelegen haben könnten.

Die Produktion vermittelt dabei zahlreiche historische Einzelheiten über Orte und Menschen. Eine Erzählerin führt durch die Geschichte, hinzu kommen Stimmen, atmosphärische Geräusche und hörspielartige Szenen verstärken die Wirkung der jeweiligen Schauplätze. Aus heute selbstverständlichen Wegen durch die Innenstadt wird so ein emotionaler Gang durch die Geschichte.

Ein Audiowalk mit großer Sogwirkung

Gerade dieser erste Teil gehört zu den stärksten Elementen des Projekts. Die Verbindung aus Bewegung, historischen Informationen und akustischer Gestaltung erzeugt eine bemerkenswerte Nähe. Die Teilnehmenden hören nicht nur etwas über die Vergangenheit – sie bewegen sich durch die Straßen, in denen Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung tatsächlich stattgefunden haben.

Auch im heutigen Stadtbild hinterlässt der Audiowalk sichtbare Spuren. Rund 20 Menschen, die sich mit Kopfhörern nahezu gleichzeitig bestimmten Häusern, Straßen und Punkten zuwenden, ziehen die Aufmerksamkeit von Passantinnen und Passanten auf sich. Für einen Moment wird die Gruppe selbst zum Teil des öffentlichen Erinnerungsraums. Der Audiowalk endet am alten Güterbahnhof. Dort liegt heute die Probebühne des Deutschen Theaters – unmittelbar neben den Gleisen, über die Menschen deportiert wurden.

Von den Deportierten zu den Zwangsarbeiterinnen

Bevor der eigentliche Bühnenraum erreicht wird, erzählen vier Schauspielerinnen von Menschen, die nach der Deportation der jüdischen Bevölkerung nach Göttingen gebracht und zur Arbeit gezwungen wurden. Sie arbeiteten unter anderem in Privathaushalten, Rüstungsbetrieben und einer Großwäscherei. Damit erweitert die Inszenierung ihre Perspektive. Sie erinnert nicht nur an die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, sondern auch an jene Menschen aus Osteuropa, die unter Zwang in Göttingen leben und arbeiten mussten. Zu Beginn des szenischen Teils wird der Bericht eines Überlebenden aus der Familie Rosenberg als Text an die Wand projiziert. Besonders eindringlich ist anschließend die Geschichte der Zwangsarbeiterinnen in der Göttinger Wäscherei Schneeweiß. Historische Filmaufnahmen, Fotografien, Dokumente und die Darstellung der Schauspielerinnen greifen ineinander. So entsteht eine bedrückende dokumentarische Aufführung, die Ereignisse und Lebensgeschichten anschaulich werden lässt, die im heutigen Göttinger Alltag kaum noch sichtbar sind.

Auch die Rolle der Medien wird thematisiert

Die Inszenierung nennt zahlreiche Namen, Unternehmen und Institutionen. Dadurch wird deutlich, dass Verfolgung und Zwangsarbeit mitten in Göttingen und unter den Augen der Stadtgesellschaft stattfanden.

Auch das Göttinger Tageblatt wird als Teil dieser Geschichte genannt. Bemerkenswert ist deshalb eine aktuelle GT-Theaterkritik, in der es lediglich heißt, die Zeitung habe damals „nicht kritisch nachgefragt“. Das erscheint verkürzt und geschichtsvergessen: Die Rolle lokaler Medien im Nationalsozialismus lässt sich nicht auf mangelnde journalistische Distanz reduzieren. Zeitungen waren Teil jener Öffentlichkeit, in der Ausgrenzung propagiert, unterstützt oder als Normalität vermittelt wurde. Gerade bei einer Kritik aus dem eigenen Haus wäre eine deutlichere historische Selbstreflexion angebracht gewesen.

Ein wichtiger, aber fordernder Abend

„neunzehnhundertzweiundvierzig“ ist eine intensive und sehenswerte Inszenierung. Vor allem der Audiowalk überzeugt durch seine Verbindung von historischem Wissen, konkreten Orten und einer außergewöhnlich dichten akustischen Gestaltung. Die Geschichte wird nicht abstrakt vermittelt, sondern unmittelbar erfahrbar.

Der zweite Teil in der Probebühne verlangt dem Publikum allerdings viel ab. Die Fülle historischer Details, thematische Sprünge und Bezüge zur Gegenwart machen die Aufführung stellenweise zu vielschichtig und überladen. Was als Erweiterung und Vertiefung gedacht ist, erschwert mitunter die Konzentration. Nach insgesamt fast drei Stunden war im Publikum eine deutliche Erschöpfung zu spüren. So interessant das angebotene Nachgespräch gewesen wäre: Vielen fehlte am Ende offenbar die Kraft für eine weitere Diskussion.

Das schmälert die Bedeutung des Projekts jedoch nicht. Gernot Grünewald und sein Team haben eine dokumentarische Inszenierung geschaffen, die sichtbar macht, wie eng Göttinger Orte, Unternehmen, Institutionen und Medien mit der Geschichte von Deportation und Zwangsarbeit verbunden waren.

Gerade für Schulklassen ist dieser Theaterabend deshalb besonders wertvoll – anspruchsvoll und lang, aber als lokalgeschichtliche Auseinandersetzung nahezu eine Pflichtveranstaltung. Denn die Inszenierung zeigt, dass Erinnerungskultur nicht bei Jahreszahlen und Gedenktafeln endet. Sie beginnt dort, wo bekannte Straßen und Gebäude plötzlich eine andere Geschichte erzählen.


Infobox: Das Projekt

Titel: „neunzehnhundertzweiundvierzig – MemoRails Göttingen“
Form: Rechercheprojekt mit Audiowalk und szenischer Aufführung
Autor und Regie: Gernot Grünewald
Uraufführung: 29. August 2026
Spielstätte: dt.x
Dauer: etwa 2 Stunden und 40 Minuten einschließlich einer Pause
Audiowalk: etwa 60 Minuten

Start: Deutsches Theater Göttingen
Ende: Probebühne des Deutschen Theaters, Güterbahnhofstraße 10
Hinweis: Der Weg ist nicht vollständig barrierefrei. Wetterfeste Kleidung wird empfohlen. Die Aufführung endet an der Probebühne; der Rückweg muss selbst eingeplant werden.

Darstellerinnen: Judith Florence Ehrhardt, Lou von Gündell, Birte Leest und Marie Seiser
Bühne und Kostüme: Michael Köpke
Musik: Daniel Sapir
Choreografie: Felicitas Madl
Dramaturgie: Michael Lethmathe

MemoRails ist ein Förderprogramm des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Es unterstützt Projekte, die an Bahnhöfen und Bahnstrecken auf zeitgemäße Weise an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern.

Vorstellungstermine auf dt-goettingen.de

Ulf Engelmayer

Fotos: ©Radio Leinewelle (Jutta Engelmayer)

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