
Dritte TFP-Kundgebung in Göttingen – Rückkehr offenbar bewusst geplant.
Rund 700 Menschen haben am Mittwoch, 21. Oktober 2026, in der Göttinger Innenstadt gegen eine Kundgebung von Abtreibungsgegnern protestiert. Auf dem Marktplatz vor dem Alten Rathaus hatten sich etwa 20 Personen aus dem Umfeld der ultrakonservativen Organisation „Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP) versammelt. Ein größeres Polizeiaufgebot trennte die unterschiedlichen Gruppierungen. Nach Angaben der Polizei verliefen die Versammlungen insgesamt friedlich. Allerdings wurden zwei Ermittlungsverfahren eingeleitet.
„Feminismus statt Fundis“ – Gegenproteste in der Innenstadt
Bereits im Vorfeld hatten mehrere Göttinger Gruppierungen zu Gegenveranstaltungen aufgerufen. Unter dem Motto „Feminismus statt Fundis“ mobilisierten unter anderem Studis gegen Rechts Göttingen und die Antifa Jugend zum Protest. Die Demonstrierenden wandten sich gegen die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen durch die TFP und deren traditionelles Frauen- und Familienbild. Für sie stand das Recht auf körperliche Selbstbestimmung im Mittelpunkt. Die Gegenproteste beschränkten sich nicht auf den Marktplatz. Nach Polizeiangaben fanden mehrere Versammlungen an unterschiedlichen Orten der Göttinger Innenstadt statt. Insgesamt beteiligten sich im Laufe des Nachmittags etwa 700 Menschen.
Gebete und Redebeiträge vor dem Alten Rathaus
Die Kundgebung der Abtreibungsgegner begann gegen 16.15 Uhr. Die rund 20 Teilnehmenden brachten mit Gebeten und Redebeiträgen ihre ablehnende Haltung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen zum Ausdruck.
Die TFP versteht sich als Verteidigerin traditioneller christlicher Werte. Ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen gehen jedoch über die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen hinaus. Die international vernetzte Bewegung vertritt ein katholisch-traditionalistisches Gesellschaftsbild und wendet sich gegen gesellschaftliche Entwicklungen, die sie als Abkehr von einer christlich geprägten Ordnung betrachtet.
Dritte TFP-Kundgebung in Göttingen – Rückkehr offenbar bewusst geplant
Es war bereits der dritte dokumentierte Auftritt der Organisation in Göttingen. Schon im April 2025 hatten TFP-Anhänger vor dem Auditorium der Universität demonstriert. Im August 2026 folgte eine weitere Kundgebung auf dem Marktplatz, bei der es zu Auseinandersetzungen kam. Dass die Organisation nun erneut nach Göttingen zurückkehrte, war offenbar kein Zufall. Nach den Ereignissen im August hatte die TFP auf ihrer Website ausdrücklich angekündigt, wieder in Göttingen demonstrieren zu wollen. Ihr europäischer Ableger erklärte darüber hinaus, gerade auch dort auftreten zu wollen, wo die Organisation auf besonders entschiedenen Widerstand linker Gruppen stößt. Damit stellt sich die Frage, ob Göttingen inzwischen bewusst als Ort der politischen Auseinandersetzung ausgewählt wird. Die Universitätsstadt verfügt über eine aktive linke und feministische und zivilgesellschaftliche Szene, die wiederholt gegen die Positionen der TFP mobilisiert hat. Die erneute Kundgebung zeigt zugleich, wie eine vergleichsweise kleine Organisation erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit erzielen kann. Rund 20 TFP-Anhängern standen diesmal etwa 700 Gegendemonstrierende gegenüber. Ob die TFP diese Konfrontation gezielt als Teil ihrer Öffentlichkeitsarbeit nutzt, ist bislang nicht abschließend geklärt. Ihre eigenen Ankündigungen legen allerdings nahe, dass die wiederholten Auftritte in Göttingen inzwischen mehr sind als einzelne Veranstaltungen gegen Schwangerschaftsabbrüche.
Hintergrund: Was ist die TFP?
Die Organisation „Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP) hat ihre Ursprünge in Brasilien. Sie wurde 1960 von dem katholischen Publizisten und Politiker Plinio Corrêa de Oliveira (1908–1995) gegründet. Die Bewegung entstand im Umfeld eines streng traditionalistischen Katholizismus. Sie wandte sich insbesondere gegen Kommunismus, Sozialismus und gesellschaftliche Reformbewegungen. Heute existieren international vernetzte TFP-Organisationen, darunter auch eine deutsche Vereinigung.
Gesellschaftspolitische Positionen: Die TFP lehnt Schwangerschaftsabbrüche ab und vertritt ein traditionelles christliches Familienbild. Ihre Vorstellungen sind von einer hierarchischen Gesellschaftsordnung geprägt. Auch feministische und liberale gesellschaftspolitische Entwicklungen werden von der Bewegung kritisch bis ablehnend betrachtet.
Politische Einordnung: In wissenschaftlichen Untersuchungen wird die TFP als ultrakonservativ, katholisch-traditionalistisch und antikommunistisch beschrieben. Ihre Positionen weisen Berührungspunkte mit antifeministischen und rechtskonservativen Strömungen auf. Diese Einordnung ist nicht mit einer behördlichen Einstufung als rechtsextremistische Organisation gleichzusetzen.
Aktivitäten: Die TFP und ihr nahestehende Organisationen treten mit öffentlichen Kundgebungen, Kampagnen und Veröffentlichungen in Erscheinung. Thematische Schwerpunkte sind Religion, Familie, Schwangerschaftsabbruch und die Verteidigung traditioneller gesellschaftlicher Werte.
Polizei verhindert direkte Konfrontationen
Die Polizei hatte sich angesichts der Erfahrungen aus dem August auf mögliche Konflikte vorbereitet. Mit Absperrmaßnahmen wurden die unterschiedlichen Gruppierungen räumlich voneinander getrennt. Zusätzlich kamen speziell ausgebildete Konfliktmanagement-Teams zum Einsatz. Während der Kundgebung gab es wiederholt lautstarke Zwischenrufe aus den Reihen der Gegendemonstrierenden. Vereinzelt wurden kleinere Gegenstände in Richtung der TFP-Kundgebung geworfen. Die Polizei forderte die betreffenden Personen mehrfach über Lautsprecherdurchsagen auf, dies zu unterlassen. Größere Störungen oder gewalttätige Auseinandersetzungen blieben jedoch aus. Gegen 18.30 Uhr beendeten die Abtreibungsgegner ihre Kundgebung und verließen den Marktplatz unter polizeilicher Begleitung. Ein unmittelbares Aufeinandertreffen mit Gegendemonstrierenden konnte verhindert werden.
Zwei Ermittlungsverfahren eingeleitet
Trotz des insgesamt friedlichen Verlaufs leitete die Polizei zwei Ermittlungsverfahren ein. Dabei geht es um den Verdacht des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen sowie um einen Körperverletzungsvorwurf. Zu den Hintergründen der beiden Vorfälle und zur Zuordnung der Beschuldigten machte die Polizei zunächst keine näheren Angaben. Die Ermittlungen dauern an. Einsatzleiter Polizeirat Dr. Luis-Miguel Herrmann zog eine positive Bilanz:
„Angesichts der gegensätzlichen Positionen und insbesondere der Erfahrungen aus dem vergangenen August können wir mit dem heutigen Einsatzverlauf zufrieden sein. Es ist gelungen, die Versammlungsfreiheit aller Beteiligten zu gewährleisten und Auseinandersetzungen zu verhindern. Es war laut, aber durchaus friedlich.“
Zugleich betonte Herrmann, dass die Versammlungs- und Meinungsfreiheit unabhängig von den vertretenen politischen Positionen für alle Beteiligten gelte, solange sich diese im Rahmen der geltenden Gesetze bewegten.
Göttingen bleibt Schauplatz eines gesellschaftspolitischen Konflikts
Mit der dritten dokumentierten Kundgebung innerhalb von rund eineinhalb Jahren zeichnet sich ab, dass Göttingen für die TFP zu einem wiederkehrenden Aktionsort geworden ist. Die Organisation vertritt nicht nur eine ablehnende Haltung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen, sondern ein umfassendes traditionalistisches Gesellschaftsbild. Die Gegenproteste richten sich deshalb auch gegen die politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen, die hinter diesen Kundgebungen stehen. Während die Polizei am Mittwoch eine weitgehend friedliche Bilanz ziehen konnte, dürfte die politische Auseinandersetzung damit nicht beendet sein. Die TFP hatte bereits nach den Ereignissen im August deutlich gemacht, dass sie sich durch Gegenproteste nicht von weiteren Auftritten in Göttingen abhalten lassen will.
Ulf Engelmayer
