Interreligiöses Fastenbrechen in Göttingen: Erstmals Muezzinruf geplant

Beim interreligiösen Fastenbrechen in Göttingen wird in diesem Jahr Neuland betreten: Erstmals soll im Rahmen der Veranstaltung in der DiTiB-Gemeinde ein öffentlicher Muezzinruf erklingen. Vertreterinnen und Vertreter der Stadt, der Kirchen und der jüdischen Gemeinde stellten das Vorhaben gemeinsam vor – und betonten dabei vor allem eines: den Dialog.

Oberbürgermeisterin Petra Broistedt bezeichnete den geplanten Gebetsruf als Ausdruck gelebter Religionsfreiheit. „Für mich ist der Muezzinruf eine Frage von Grundrechten und Gleichbehandlung, getragen von Dialog, Respekt und klarer Haltung gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit“, so die Oberbürgermeisterin. Grundlage sei Artikel 4 des Grundgesetzes, der die ungestörte Religionsausübung garantiere.

Das interreligiöse Fastenbrechen findet seit Jahren in enger Zusammenarbeit zwischen der DiTiB-Gemeinde, den christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde statt. Superintendent Dr. Frank Uhlhorn betonte die Bedeutung des gemeinsamen Weges: „Begegnung, gegenseitiges Vertrauen und das Teilen des Alltags führen dazu, dass man Frieden miteinander schließen kann.“ Gerade in einer Zeit globaler Spannungen könne Göttingen damit ein Zeichen setzen.

Ali Sahbaz von der DiTiB-Gemeinde erklärte, dass der Wunsch nach einem öffentlichen Muezzinruf schon lange bestehe. Die Moschee am Königsstieg existiere seit über 20 Jahren. „Dieser Gebetsruf ist eine liturgische Einladung zum Gebet. Das ist keine politische Erklärung und keine Missionierung“, stellte er klar. Der Ruf sei Ausdruck religiöser Praxis und bedeute für viele Gemeindemitglieder Anerkennung und Zugehörigkeit:„Wir sind auch Göttingerinnen und Göttinger – mit einer anderen Religion. Wir wollen unsere Religion hier frei ausleben dürfen.“

Zunächst ist der Muezzinruf einmalig im Rahmen des Fastenbrechens geplant. Perspektivisch steht im Raum, ihn einmal im Monat freitags zur Mittagszeit erklingen zu lassen – vorausgesetzt, alle rechtlichen Vorgaben wie Lärmschutzbestimmungen werden eingehalten. Ein entsprechendes Gutachten ist in Vorbereitung.

Auch die jüdische Gemeinde beteiligt sich aktiv an der Debatte. Jacqueline Jürgenliemk machte deutlich, dass Religionsfreiheit keine Selbstverständlichkeit sei: „Für uns als jüdische Gemeinde ist es nicht selbstverständlich, unsere Religionsfreiheit ohne Einschränkung leben zu können.“ Zugleich verwies sie auf Ängste, die bestimmte religiöse Formeln bei Jüdinnen und Juden auslösen können – gerade vor dem Hintergrund aktueller weltpolitischer Entwicklungen. Dennoch sei es wichtig, im Gespräch zu bleiben: „Das Grundrecht steht an erster Stelle. Alles, was folgt – Vorurteile, Befindlichkeiten, Ängste – muss diskutiert werden.“

Die Beteiligten kündigten mehrere Dialogveranstaltungen in den kommenden Wochen an. Ziel sei es, Sorgen ernst zu nehmen und Missverständnisse auszuräumen. Superintendent Uhlhorn warnte davor, aus Angst vor möglichen rechten Protesten zurückzuweichen: „Alles andere wäre vorauseilender Gehorsam.“

Die Initiatorinnen und Initiatoren setzen darauf, dass Offenheit und Transparenz die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben bilden. Oder, wie Ali Sahbaz es formulierte: „Durch Gespräch und Dialog werden Ängste abgebaut – das geht aus Erfahrung ganz schnell.“

Ob der Muezzinruf künftig regelmäßig in Göttingen zu hören sein wird, soll nach der öffentlichen Debatte entschieden werden. Klar ist bereits jetzt: Das interreligiöse Fastenbrechen wird in diesem Jahr nicht nur ein gemeinsames Mahl, sondern auch ein starkes Signal für den gesellschaftlichen Austausch.

Foto: Setzen auf Dialog – Dilek Aydin (DITIB), Frank Uhlhorn (ev. Kirche), Ali Serkan Sahbaz (DITIB), Jacqueline Jürgenliemk (Jüdische Gemeinde) ©Radio Leinewelle (ue)

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