Die kurzfristige Entscheidung, die Göttinger Buchhandlung „Rote Straße“ vom Deutschen Buchhandlungspreis auszuschließen, hat eine Debatte ausgelöst, die weit über den lokalen Kontext hinausweist. Denn der Vorgang berührt einen sensiblen Punkt: die Frage, wer letztlich darüber entscheidet, welche kulturellen Einrichtungen staatlich ausgezeichnet werden.

Eigentlich folgt der Deutsche Buchhandlungspreis einem klaren Verfahren. Eine unabhängige Jury bewertet Buchhandlungen nach ihrem kulturellen Engagement, ihrem Sortiment und ihrer Rolle für die lokale Literaturszene. Genau dafür wurde der Preis geschaffen: um Orte zu würdigen, an denen Literatur, Diskussion und kulturelle Vielfalt stattfinden.
Auch die Göttinger Buchhandlung „Rote Straße“ gehörte zunächst zu den ausgewählten Preisträgern. Kurz vor der offiziellen Bekanntgabe wurde sie jedoch – gemeinsam mit zwei weiteren Buchhandlungen – wieder von der Liste gestrichen. Die Begründung aus dem Umfeld der Bundesregierung: Es gebe „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“.
Was genau damit gemeint ist, bleibt bislang unklar. Und genau darin liegt das eigentliche Problem. Denn damit entsteht der Eindruck, dass Bewertungen von Sicherheitsbehörden eine Rolle bei der Entscheidung über einen Kulturpreis gespielt haben könnten.
Sollten Geheimdienste tatsächlich indirekt darüber entscheiden, welche Buchhandlungen ausgezeichnet werden, hätte das eine bemerkenswerte Konsequenz. Dann würde nicht mehr allein eine Fachjury über kulturelle Leistungen urteilen, sondern auch eine sicherheitspolitische Einschätzung darüber, wer als förderwürdig gilt.
Das wirft grundlegende Fragen auf. Kulturförderung lebt traditionell von Unabhängigkeit und Vielfalt. Buchhandlungen sind Orte der Debatte – oft auch der politischen Debatte. Gerade dort werden Bücher gelesen, diskutiert und verkauft, die gesellschaftliche Konflikte sichtbar machen. Wenn politische Positionen oder ein bestimmtes Milieu bereits ausreichen, um eine kulturelle Auszeichnung zu verhindern, verändert sich der Charakter solcher Preise grundlegend.
Natürlich hat der Staat ein legitimes Interesse daran, keine öffentlichen Mittel an extremistische Organisationen zu vergeben. Doch gerade deshalb ist Transparenz entscheidend. Wenn Entscheidungen mit Verweisen auf Sicherheitsbewertungen begründet werden, ohne diese öffentlich nachvollziehbar zu machen, entsteht ein Graubereich zwischen Kulturpolitik und Sicherheitspolitik.
Der Fall der Buchhandlung „Rote Straße“ zeigt deshalb mehr als nur einen Streit um eine Auszeichnung. Er berührt die grundlegende Frage, wie frei kulturelle Institutionen in einer demokratischen Gesellschaft agieren können – und wer am Ende darüber entscheidet, was als kulturell förderwürdig gilt. Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, wird die Debatte um den Buchhandlungspreis kaum verstummen.
Der Vorgang um die Buchlandung „Rote Straße“ hat in der bundesweiten Kulturszene ein großes Echo ausgelöst. Man darf gespannte sein, wie sich die Stadt und die Zivilgesellschaft in Göttingen zu dieser Auseinandersetzung verhalten wird.
In sozialen Medien äußern sich inzwischen zahlreiche Buchhandlungen, Autorinnen und Leser solidarisch mit der Göttinger Buchhandlung. Unter Hashtags wie #RoteStraße oder #Meinungsfreiheit wird darüber diskutiert, ob Sicherheitsbewertungen Einfluss auf Kulturpreise haben sollten.
Ulf Engelmayer
Foto: ©Radio Leinewelle (ue)
