„Inge ist noch immer präsent“ – Erinnerungen an Inge Feltrinelli im Literaturhaus Göttingen

„Inge ist in unserer Familie immer noch völlig präsent. Bei jedem Schritt – wenn wir Bücher veröffentlichen, wenn wir neue Buchhandlungen eröffnen – ist sie irgendwie dabei.“

Carlo Feltrinelli und Marco Meier Foto: (je)

Mit diesen Worten erinnerte Carlo Feltrinelli an seine Mutter Inge Feltrinelli – Fotografin, Verlegerin und eine der prägenden Figuren des internationalen Literaturbetriebs. Anlass war ein Abend zu Ehren der 2018 verstorbenen Verlegerin im Göttinger Literaturhaus. Feltrinelli sprach über eine Frau, die trotz eines bewegten Lebens immer eine besondere Lebensfreude ausstrahlte. Acht Jahrzehnte voller Erfahrungen, politischer Umbrüche und literarischer Begegnungen hätten sie stark beeinflusst. Gleichzeitig sei sie geprägt gewesen von einer Großzügigkeit gegenüber Autoren, Freunden und ihrer Familie. Dass ihr Einfluss bis heute spürbar ist, zeigte Feltrinelli an vielen Beispielen aus der Gegenwart des Verlags. Noch immer begleite sie gewissermaßen die Arbeit der Familie: bei der Veröffentlichung neuer Bücher, bei der Eröffnung von Buchhandlungen oder bei kulturellen Projekten der Feltrinelli-Stiftung. Erst vor kurzem habe man in Montevideo eine neue Buchhandlung eröffnet – ein Ereignis, das zu einem nationalen Kulturfest geworden sei. „Aber die Regie war immer von Inge“, sagte ihr Sohn.

Der Abend im vollbesetzten Literaturhaus war zugleich eine Erinnerung an eine außergewöhnliche Biografie. Inge Feltrinelli, geboren als Inge Schönthal, begann ihre Karriere als Fotografin und porträtierte in den 1950er-Jahren zahlreiche Schriftsteller und Intellektuelle. Nach dem Tod ihres Mannes Giangiacomo Feltrinelli übernahm sie die Leitung des italienischen Verlagshauses und machte es zu einem der bedeutendsten Literaturverlage Europas.

Inge ist in unserer Familie immer noch völlig präsent. Bei jedem Schritt – wenn wir Bücher veröffentlichen, wenn wir neue Buchhandlungen eröffnen – ist sie irgendwie dabei.
Carlo Feltrinelli

Eine besondere Verbindung besteht auch zu Göttingen. Hier verbrachte Inge Feltrinelli einen Teil ihrer Jugend und kehrte später immer wieder in die Stadt zurück – als Fotografin, Verlegerin und literarische Persönlichkeit. Im Literaturhaus erinnerten nun Weggefährten und Familie an diese außergewöhnliche Frau und daran, wie stark ihr Einfluss bis heute wirkt. Die Biografie des Schweizer Autors Marco Meier führt die Leser*innen tief in die Nachkriegszeit. Dort, wo die Kulturszene noch überschaubar war und Quereinsteigerinnen wie Inge Feltrinelli schnell Karriere machen konnten. Der Schriftsteller und Verleger Michael Krüger kannte diese faszinierende Frau persönlich und konnte so manche Anekdote anfügen. Viele Göttinger*innen werden sich an ihre Fotoausstellung im Alten Rathaus erinnern – der Fotoband mit ihren besten Bildern (erschienen bei Steidl) ist mittlerweile eine gesuchte Rarität. Auch wenn man sich eine stärkere Einbeziehung von Carlo Feltrinelli in das Gespräch gewünscht hätte, war es ein hochunterhaltsamer Abend im Göttinger Literaturhaus.

Über den Feltrinelli Verlag
Der Feltrinelli Verlag gehört zu den bedeutendsten unabhängigen Verlagen Italiens. Er wurde 1954 von dem Verleger und politischen Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli gegründet, der aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie stammte. Sein Ziel war es, Literatur zu veröffentlichen, die politisch und gesellschaftlich relevant ist. International bekannt wurde der Verlag bereits in den 1950er-Jahren durch zwei spektakuläre Veröffentlichungen: den Roman „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak (1957), der in der Sowjetunion verboten war, sowie „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1958), der zu einem Klassiker der italienischen Literatur wurde. In den 1960er-Jahren entwickelte sich der Verlag zu einer wichtigen Plattform für linke, gesellschaftskritische und internationale Literatur. Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1972 wurde das Unternehmen von seiner Familie weitergeführt und professionalisiert. Heute ist Feltrinelli Teil der Gruppo Feltrinelli, zu der neben dem Verlag auch ein großes Netzwerk von Buchhandlungen in ganz Italien gehört. Das Unternehmen veröffentlicht Belletristik, Sachbücher und politische Literatur und zählt zu den einflussreichsten Akteuren im italienischen Buchmarkt. Feltrinelli steht bis heute für literarische Entdeckungen, internationale Autoren und politisch engagiertes Publizieren.

Das Buch „Inge Feltrinelli – Das erste Leben“ von Marco Meier ist erschienen bei Rowohlt (Hardcover mit gelben Lesebändchen und Bildern) zum Preis von 28€.
Infos zum Programm des literarischen Zentrums finden sich hier:
Eine Buchkritik zu Marco Meiers Buch gibt es am 17.03. in der Radio Lounge

Fotos: ©Radio Leinewelle (Jutta Engelmayer)

Radio Leinewelle
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