
Göttingen/Friedland. Die Behelfsbrücke am Wendebach soll ab Mitte April zurückgebaut werden. Doch statt einer Beruhigung der Lage spitzt sich die Debatte weiter zu. Neue Vorwürfe aus der Politik stellen zentrale Aussagen der Kreisverwaltung infrage – und werfen zusätzliche Fragen zur Rolle des Landkreises auf.
Bürgermeister ordnet Abriss an – trotz praktischer Lösung
Friedlands Bürgermeister Andreas Friedrichs hatte zuletzt angekündigt, den Rückbau der Behelfsbrücke ab dem 13. April 2026 zu veranlassen. Nach Gesprächen mit dem Landkreis Göttingen und dem zuständigen Straßenbauamt habe sich keine rechtssichere Möglichkeit ergeben, die Brücke weiter zu betreiben. Ein bewusster Verstoß gegen rechtliche Vorgaben komme für ihn nicht infrage. Gleichzeitig machte Friedrichs deutlich, dass die Brücke aus einer konkreten Notlage heraus entstanden sei: Ziel sei es gewesen, eine gefährliche Verkehrssituation für Radfahrer kurzfristig zu entschärfen.
Behörden verweisen auf fehlende rechtliche Grundlage
Der Landkreis Göttingen und die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLStBV) hatten zuvor erklärt, sie seien nicht an Planung, Genehmigung oder Bau der Behelfsbrücke beteiligt gewesen. Zudem sei aktuell nicht erkennbar, wer die notwendigen Sicherungs- und Räumpflichten übernehme – ein zentraler Punkt für den Betrieb einer öffentlich zugänglichen Brücke. Auch zeitlich ist die Nutzung begrenzt: Für die zweite Jahreshälfte 2026 ist eine Sanierung des Radwegs geplant, wodurch die Strecke ohnehin nicht mehr befahrbar wäre.
FDP stellt Darstellung des Landkreises infrage
Neue Brisanz erhält der Fall durch eine aktuelle Anfrage der FDP-Kreistagsfraktion. Diese widerspricht der Darstellung, der Landkreis sei nicht beteiligt gewesen. Nach Angaben der FDP habe der Landrat im Vorfeld Fraktionsvorsitzende kontaktiert und eine Kostenbeteiligung thematisiert. Zudem soll die untere Naturschutzbehörde bereits Ende 2025 eine Stellungnahme zur Behelfsbrücke abgegeben haben, und das Thema sei im Kreisausschuss behandelt worden. Vor diesem Hintergrund stellt die FDP mehrere konkrete Fragen an die Kreisverwaltung, unter anderem:
- Wann genau wurde die Stellungnahme der Naturschutzbehörde abgegeben und wie lautet ihr Inhalt?
- Inwieweit war die Verwaltungsleitung über diese Vorgänge informiert?
- Warum wird dennoch von „Nichtbeteiligung“ gesprochen?
- Welche Erkenntnisse liegen zur Verkehrssicherungspflicht vor?
- Wurde eine rechtliche Duldung der Brücke geprüft – und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
- Wie wird die Gefahrenlage für Radfahrer entlang der B27 bewertet?
Die FDP fordert eine schriftliche Beantwortung innerhalb einer Woche.
Offene Fragen auch auf kommunaler Ebene
Bereits zuvor hatte die WGF-Fraktion in Friedland einen umfangreichen Fragenkatalog vorgelegt. Dabei geht es unter anderem um:
- Bauantrag und Genehmigungsverfahren
- Planung und Beauftragung
- Beteiligung von Behörden
- Betreiberverantwortung und Verkehrssicherungspflicht
Diese Punkte zeigen, dass weiterhin grundlegende Aspekte ungeklärt sind.
Streitpunkt Verantwortung: Wer wusste was?
Im Zentrum der aktuellen Auseinandersetzung steht zunehmend die Frage, wer zu welchem Zeitpunkt über die Behelfsbrücke informiert war – und welche Konsequenzen daraus gezogen wurden. Während die Kreisverwaltung auf eine fehlende formale Beteiligung verweist, deutet die FDP darauf hin, dass es zumindest politische Abstimmungen und fachliche Einschätzungen im Vorfeld gegeben haben könnte. Ob es sich dabei um eine tatsächliche Beteiligung im rechtlichen Sinne handelt, ist nun selbst Gegenstand der politischen Debatte.
Grundkonflikt zwischen rechtlichen Rahmenbedingungen und pragmatischer Problemlösung
Mit der angekündigten Demontage der Behelfsbrücke scheint die praktische Entscheidung gefallen. Politisch ist der Fall jedoch längst nicht abgeschlossen. Die neuen Vorwürfe werfen zusätzliche Fragen zur Rolle des Landkreises, zur Transparenz von Entscheidungsprozessen und zum Umgang mit kurzfristigen Lösungen im öffentlichen Raum auf. Für die Menschen vor Ort bleibt die Situation unverändert schwierig: Eine sichere und direkte Verbindung fehlt weiterhin. Gleichzeitig zeigt der Fall Wendebach, wie schnell aus einer pragmatischen Lösung ein komplexer politischer Konflikt werden kann – zwischen Sicherheitsanforderungen, rechtlichen Rahmenbedingungen und dem Anspruch, konkrete Probleme vor Ort schnell zu lösen.
Anmerkung: Zum Thema gibt es hier eine Petition des SPD Ortsvereins Friedland:
https://www.openpetition.de/petition/online/herstellung-der-durchgaengigkeit-des-radweges-friedland-goettingen
Ulf Engelmayer
Foto: Radio Leinewelle (ue)
