
Es gibt Ausstellungen, die eröffnen nicht einfach – sie setzen einen Ton. Und dann gibt es Abende wie diesen im Kunsthaus Göttingen, an dem sich beides überlagert: Aufbruch und Rückkehr, Krise und künstlerische Fülle. Mit „Choir of Poems“ präsentiert Jim Dine neue Arbeiten – und verwandelt das Haus in einen Resonanzraum aus Farbe, Material und Erinnerung. Schon der Auftakt trägt eine fast physische Wucht in sich: Rund 20 Tonnen Kunst wurden in wenigen Tagen installiert, großformatige Gemälde, Skulpturen, Materialien, die sich in den Raum hineinschieben. Werke, die nicht nur hängen, sondern greifen. Die Malerei verlässt die Fläche, wird Objekt, wird Widerstand.
Was dieser Mann in einem Jahr wegschafft oder erschafft und herstellt, ist gigantisch.
Gerhard Steidl über Jim Dine

Zwischen Farbe und Widerstand
Was hier zu sehen ist, ist radikal gegenwärtig: Alle Arbeiten sind neu, viele erst wenige Tage alt, direkt aus dem Atelier in Paris nach Göttingen gebracht. Die Farbe ist frisch, die Geste unmittelbar. Und doch ist da eine Tiefe, die weit zurückreicht. Dines Kunst speist sich aus Erinnerung – aus Kindheit, aus Arbeit, aus Dingen. Werkzeuge, Holz, Metall: Spuren einer Biografie, die in der Autowerkstatt des Vaters in Cincinnati begann und sich heute in komplexen Bildkörpern fortsetzt. Diese Arbeiten sind keine bloßen Gemälde mehr. Rohre, Kupferteile, Holzfragmente treten aus der Fläche hervor, greifen in den Raum. Es sind Hybridformen – zwischen Bild und Skulptur, zwischen Geste und Konstruktion. Kunst, die sich nicht begnügt, betrachtet zu werden.

Göttingen als künstlerischer Anker
Dass diese Ausstellung ausgerechnet hier entsteht, ist kein Zufall. Oberbürgermeisterin Petra Broistedt spricht von einer „besonderen Verbindung“ zwischen Stadt und Künstler. Tatsächlich ist Göttingen für Dine mehr als ein Ausstellungsort: Sein Atelier liegt nur wenige Schritte entfernt, seine Zusammenarbeit mit dem Steidl Verlag prägt sein Werk seit Jahrzehnten. Gerade deshalb wirkt diese Ausstellung auch wie ein Statement. Noch vor kurzer Zeit stand das Kunsthaus vor dem Aus. Insolvenz, Unsicherheit, die reale Gefahr, diesen Ort zu verlieren. Dass er heute nicht nur existiert, sondern eine Ausstellung dieses Formats zeigt, verleiht dem Abend eine zweite, fast politische Dimension.
Jenseits der Pop-Art
Der kunsthistorische Reflex ist schnell da: Jim Dine, Mitbegründer der Pop-Art. Doch diese Schublade greift zu kurz. Schon in der Einführung wird deutlich, dass Dines Werk sich jeder eindeutigen Zuordnung entzieht. Gerhard Steidl beschreibt es als vielschichtiger, materieller, poetischer als das vieler Zeitgenossen. Hier geht es nicht um Oberfläche, nicht um Reproduktion, sondern um Einschreibung: von Sprache, von Körper, von Zeit. Dine schreibt, zeichnet, überarbeitet, schichtet. Seine Bilder sind Prozesse – keine Zustände.

Ein Künstler, der bleibt
Am Ende tritt Jim Dine selbst ans Mikrofon. Kein großes Pathos, keine langen Erklärungen. Ein Dank an die Stadt, an die Menschen, an die, die das Kunsthaus gerettet haben. Und ein Satz, der nachhallt: Ohne Publikum wäre seine Arbeit still. Vielleicht liegt genau darin die Kraft dieser Ausstellung. Sie ist kein Rückblick, keine Bilanz. Sondern ein offener Dialog – zwischen Werk und Raum, Künstler und Stadt, Vergangenheit und Gegenwart. Und Göttingen hört zu.
Zur Ausstellung ist ein Katalog zum Preis von 15 € erschienen
Das Kunsthaus Göttingen, Düstere Straße 7, 37073 Göttingen hat geöffnet:
Di.- Fr. 14 Uhr bis 18 Uhr und
Sa. + So. 11 Uhr bis 18 Uhr
Fotos: ©Radio Leinewelle Jutta & Ulf Engelmayer
