„Fast Abend, immer noch hell“ – Ein Roman, der von den leisen Tönen der Freundschaft lebt

Kann daraus wirklich eine Geschichte entstehen? Langjährige Freundinnen und Freunde verbringen nach vielen Jahren gemeinsam eine Sommerwoche in einem Haus am See. Sie kochen, reden, erinnern sich, sprechen über Liebe, Beziehungen und das Leben. Auch Queerness gehört ganz selbstverständlich zu den Themen, die diesen Roman durchziehen. Zunächst entwickelt sich alles ruhig und beinahe harmonisch. Doch als ein Pärchen ihre Heiratspläne verkünden und die Hochzeit spontan Teil dieser gemeinsamen Woche werden soll, gerät die Dynamik in Bewegung. Alte Beziehungen, unausgesprochene Wünsche und verborgene Sehnsüchte treten nach und nach an die Oberfläche. Aus der entspannten Ferienatmosphäre entsteht ein dichtes Beziehungsgeflecht, das den Roman bis zum Ende trägt.

Linea Maja Ernst, 1988 in Kopenhagen geboren, gehört zu einer neuen Generation dänischer Autorinnen, die sich weniger für spektakuläre Handlungen als für die feinen Bewegungen zwischen Menschen interessieren. Als Literaturkritikerin und Redakteurin hat sie sich intensiv mit zeitgenössischer Literatur beschäftigt – und genau dieses Gespür für Sprache und Figuren prägt auch ihren Roman. Mit Fast Abend, immer noch hell ist ihr ein Debüt gelungen, das in Dänemark begeistert aufgenommen wurde und mittlerweile auch international Beachtung findet.

Der Roman steht zugleich in einer langen Tradition der dänischen Literatur. Wie bei Tove Ditlevsen oder Helle Helle entstehen Spannung und Tiefe nicht durch spektakuläre Ereignisse, sondern durch präzise Beobachtungen des Alltags. Das Besondere bei Linea Maja Ernst ist jedoch der Ton: jünger, leichter und von einer großen Selbstverständlichkeit geprägt, wenn es um unterschiedliche Lebensformen, Freundschaften und queere Identitäten geht. All das wird nicht erklärt oder problematisiert – es ist einfach Teil des Lebens ihrer Figuren. Gerade darin liegt die Stärke dieses Romans. Wer auf den großen dramatischen Knall wartet, wird vielleicht überrascht sein. Die Konflikte eskalieren nie zum Eklat, vielmehr bleiben sie menschlich und lösbar. Am Ende ist es die Freundschaft, die trägt – nicht als romantische Verklärung, sondern als Kraft, die Widersprüche aushalten kann. Die Geschichte beginnt langsam und verlangt etwas Geduld. Wer sich auf dieses Tempo einlässt, wird mit einem Roman belohnt, der seine Spannung aus den Figuren und ihren Beziehungen gewinnt. Die langen Sommerabende am See, die Gespräche am Küchentisch und die kleinen Verschiebungen zwischen den Freund:innen erzeugen eine Atmosphäre, die man beim Lesen kaum wieder verlassen möchte.

Mein Fazit: Fast Abend, immer noch hell ist ein leiser, kluger und außergewöhnlich atmosphärischer Roman. Linea Maja Ernst zeigt, dass große Literatur keine spektakulären Wendungen braucht. Manchmal genügt eine Woche am See, das alte Freunde und Vertraute die Bereitschaft aufbringen, genau hinzusehen. Gerade deshalb zählt dieser Roman zu den bemerkenswertesten literarischen Entdeckungen aus Dänemark der letzten Jahre.
Das Buch von Linea Maja Ernst „Fast Abend, immer noch hell“ ist als Hardcover bei S. Fischer erschienen und kostet 24€. ISBN 978-3103977509

Text: Ulf Engelmayer

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