Zwei neue öffentlich zugängliche Defibrillatoren sollen in Göttingen im Ernstfall Leben retten. Einer der automatisierten externen Defibrillatoren, kurz AED, hängt seit Ende Juli vor dem EXIL, ein zweiter wurde jetzt an das Kino Méliès übergeben. Finanziert wurden die Geräte vor allem durch Spenden von Gästen. Hinter der Initiative steht aber auch eine persönliche Erfahrung: Bei einer Veranstaltung im EXIL war im vergangenen Jahr ein Gast nach einem medizinischen Notfall verstorben.
Vom tragischen Ereignis zur konkreten Hilfe
Ausgangspunkt für die Anschaffung war ein Notfall während einer Veranstaltung im EXIL. Ein Gast erlitt nach Angaben des Veranstalters einen Herzinfarkt. Obwohl sofort Erste-Hilfe-Maßnahmen eingeleitet wurden, verstarb der Betroffene später im Krankenhaus. Für das EXIL war dies Anlass, darüber nachzudenken, wie die Hilfe bei einem künftigen Notfall noch verbessert werden könnte. Gemeinsam mit Clemens Stuckenberg, Schulleiter des Erste Hilfe Schulungszentrums Göttingen, entstand die Idee, einen öffentlich zugänglichen Defibrillator zu installieren.
Möglich wurde schließlich sogar die Anschaffung von zwei Geräten. Im Rahmen eines Aufrufs spendeten Gäste so großzügig, dass neben dem AED am EXIL ein weiteres Gerät finanziert werden konnte. Dieses wurde am Freitag, 7. August, an das Kino Méliès am Göttinger Wall übergeben.

Damit profitieren nicht nur die beiden Kultur- und Veranstaltungsorte. Der Defibrillator am EXIL befindet sich im Außenbereich unmittelbar vor dem Eingang und soll ausdrücklich auch für die Nachbarschaft und die Öffentlichkeit zugänglich sein. Zu den Unterstützern der Aktion gehört nach Angaben des EXIL auch das benachbarte Alpenmax.Die Geräte sind alarmgesichert. Der Eingangsbereich des EXIL wird zusätzlich durch eine Kamera und einen Bewegungsmelder überwacht.
Warum öffentlich zugängliche Defibrillatoren wichtig sind
Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt vor allem eines: Zeit. Nach Angaben des Deutschen Rates für Wiederbelebung erleiden in Deutschland jährlich mehr als 120.000 Menschen außerhalb eines Krankenhauses einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand. Nur etwa jeder zehnte Betroffene überlebt. Bereits nach drei bis fünf Minuten ohne Herzdruckmassage können irreversible Schäden am Gehirn entstehen. Gerade deshalb sind Menschen entscheidend, die zufällig vor Ort sind. Sie überbrücken die Minuten, bis Rettungsdienst und Notarzt eintreffen. Eine wirksame Herzdruckmassage kann nach Angaben des Deutschen Rates für Wiederbelebung die Überlebenswahrscheinlichkeit gegenüber ausbleibender Wiederbelebung deutlich erhöhen. Für Göttingen hat die Stadt bereits vor einigen Jahren auf die besondere Bedeutung dieser ersten Minuten hingewiesen. Nach damaligen Angaben ereigneten sich in Stadt und Landkreis jährlich rund 250 Fälle eines plötzlichen Herztodes. Die durchschnittliche Eintreffzeit des Rettungsdienstes wurde mit etwa neun Minuten angegeben.
Ein Defibrillator ist ausdrücklich für Laien gedacht
Die Abkürzung AED steht für „Automatisierter Externer Defibrillator“. Anders als die aus Krankenhausserien bekannten Geräte ist ein öffentlich zugänglicher AED so konstruiert, dass er auch von Menschen ohne medizinische Ausbildung eingesetzt werden kann. Nach dem Einschalten führt das Gerät mit Sprachansagen und Abbildungen durch die einzelnen Schritte. Elektroden werden auf dem Brustkorb der betroffenen Person angebracht. Anschließend analysiert der AED selbstständig den Herzrhythmus. Nur wenn eine Defibrillation medizinisch angezeigt ist, ermöglicht beziehungsweise veranlasst das Gerät – abhängig vom Gerätetyp – die Schockabgabe.Die wichtigste Botschaft lautet deshalb: Man muss kein Arzt und keine Rettungssanitäterin sein, um zu helfen.
Und der Defibrillator ersetzt die Wiederbelebung nicht. Entscheidend bleibt die sofortige Herzdruckmassage. Ist ein AED verfügbar und sind mehrere Helfende vor Ort, kann eine weitere Person das Gerät holen, während die Herzdruckmassage möglichst ohne Unterbrechung fortgesetzt wird. Der Deutsche Rat für Wiederbelebung weist darauf hin, dass ungefähr ein Viertel der Menschen mit einem außerklinischen Herz-Kreislauf-Stillstand von einem AED profitieren könnte.
Ersthelfende schließen die entscheidende Zeitlücke
Damit rückt neben der technischen Ausstattung eine zweite Frage in den Mittelpunkt: Trauen sich Menschen im Ernstfall tatsächlich zu helfen? Die Zahlen zeigen, wie wichtig das ist. 2024 lag die Quote der Laienreanimation in Deutschland nach Angaben des Deutschen Rates für Wiederbelebung bei rund 55 Prozent. In Ländern wie Schweden oder den Niederlanden werden demnach Werte von bis zu 80 Prozent erreicht. Die Grundregel für den Notfall ist dabei vergleichsweise einfach: Bewusstsein und Atmung prüfen, 112 wählen und bei fehlender oder nicht normaler Atmung sofort mit der Herzdruckmassage beginnen. Die Göttinger Rettungsleitstelle kann Anrufende zudem telefonisch bei der Reanimation anleiten. Die Rettungskräfte werden bereits während des Notrufgesprächs alarmiert. Auch smartphonebasierte Ersthelfersysteme gewinnen an Bedeutung. Sie können registrierte und qualifizierte Helfende in der Umgebung eines Herz-Kreislauf-Stillstands alarmieren, sodass diese möglicherweise mehrere Minuten vor dem Rettungsdienst eintreffen.
Defis müssen nicht nur vorhanden, sondern auch bekannt sein
Ein öffentlich zugänglicher AED kann allerdings nur helfen, wenn Menschen und im Idealfall auch die Rettungsleitstelle wissen, wo er zu finden ist. Die Kommunale Regionalleitstelle Göttingen erfasst deshalb AED-Standorte. Ist bei einem gemeldeten Herz-Kreislauf-Stillstand ein registriertes Gerät in der Nähe, kann die Leitstelle weitere Helfende gezielt zu diesem AED schicken.
Nach einem Informationsschreiben der Kommunalen Regionalleitstelle waren Ende 2024 insgesamt 225 AED-Standorte in den Gemeinden ihres Bereichs erfasst. Gleichzeitig wies die Leitstelle darauf hin, wie wichtig aktuelle und überprüfte Standortdaten sind. Genau darin liegt die Bedeutung der beiden neuen Geräte am EXIL und am Méliès: Es geht nicht allein um zwei weitere Defibrillatoren in Veranstaltungsstätten. Entscheidend ist, dass solche Geräte gut erreichbar, sichtbar, registriert und im Ernstfall schnell verfügbar sind.
Die Initiative von EXIL, Méliès und den beteiligten Unterstützern zeigt damit auch, wie aus einem tragischen Erlebnis eine konkrete Verbesserung der lokalen Notfallvorsorge entstehen kann.
Kurzinfo: Was tun bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand?
Prüfen: Reagiert die Person? Atmet sie normal?
Rufen: Sofort die 112 wählen. Den Anweisungen der Rettungsleitstelle folgen.
Drücken: Keine normale Atmung? Mit der Herzdruckmassage beginnen – kräftig und schnell in der Mitte des Brustkorbs, etwa 100 bis 120 Mal pro Minute.
Defibrillator einsetzen: Ist ein AED in unmittelbarer Nähe und sind mehrere Helfende da, sollte eine Person das Gerät holen. Die Herzdruckmassage möglichst nicht unterbrechen. Der AED führt anschließend durch die Anwendung.
Standorte
Der erste neue AED befindet sich außen unmittelbar am Eingang des EXIL. Ein zweites Gerät wurde an das Kino Méliès am Göttinger Wall übergeben.
Der EXIL-Standort ist außerdem in der OpenAEDMap verzeichnet. Die Stadt Göttingen weist allerdings darauf hin, dass Aktualität und Vollständigkeit der dort eingetragenen Standorte nicht garantiert werden können.
Text und Fotos: Ulf Engelmayer

