
Benita Dobberstein (Theaterpädagogik) Foto: (je)
Mit Angelika Zacek beginnt am Jungen Theater Göttingen eine neue Ära. Als erste Intendantin in der Geschichte des Hauses übernimmt sie zur Spielzeit 2026/27 die künstlerische Leitung. Beim Pressegespräch zur Saisoneröffnung wurde deutlich: Das JT setzt auf gesellschaftspolitische Stoffe, bekannte Literatur, Angebote für ein junges Publikum – und ein umfangreiches Repertoire. Gleichzeitig bleiben die finanziellen Spielräume des Theaters eng.
„Ich bin die allererste Intendantin in Göttingen. Das freut mich sehr, dass es endlich so weit gekommen ist“, sagte Angelika Zacek bei der Vorstellung der neuen Spielzeit. Gemeinsam mit Geschäftsführung und Dramaturgie hat sie ein Programm entwickelt, das Gegenwartsfragen auffallend stark in den Mittelpunkt rückt. Demokratie, das Erstarken der politischen Rechten, soziale Ungleichheit, Geschlechterrollen, Einsamkeit und die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe ziehen sich durch mehrere Produktionen.
Ich bin die allererste Intendantin in Göttingen. Das freut mich sehr, dass es endlich so weit gekommen ist
Angelika Zacek, Intendantin Junges Theater Göttingen
„Dr. Mutter Faust“ eröffnet die Spielzeit
Den Auftakt macht am 10. September „Dr. Mutter Faust“ von Fatma Aydemir. Die Wahl des Stoffes ist auch ein Rückgriff auf die Geschichte des Jungen Theaters: Vor 70 Jahren startete das Haus mit einer Faust-Inszenierung. Nun wird der Klassiker aus einer anderen Perspektive betrachtet. In der feministischen Überschreibung werden Geschlechterrollen getauscht und Machtverhältnisse neu befragt. Die Titelfigur ist Professorin für Gender Studies, hinzu kommen gleich drei unterschiedliche Mephisto-Figuren.
Für Zacek ist dabei vor allem die politische Aktualität entscheidend. Nicht mehr die Religion bilde den wesentlichen Hintergrund, sondern unter anderem das Erstarken rechter Kräfte. Fragen nach Abtreibungsrecht, gesellschaftlichen Konflikten und politischen Verschiebungen finden Eingang in die Inszenierung. Zacek beschreibt das Stück als im „Hier und Jetzt“ angekommen. Dabei soll die politische Ebene nicht den Humor verdrängen: Gerade die Verbindung gesellschaftlicher Relevanz mit Wissenschaft, privaten Konflikten und Komik habe sie an dem Stück gereizt. Mit Kristin Becker und Marie-Luise Kunze stellte das JT zugleich zwei neue Ensemblemitglieder vor. Becker übernimmt die Titelrolle in „Dr. Mutter Faust“, Kunze ist gleich in mehreren Rollen zu erleben.
Von Pumuckl bis „22 Bahnen“
Ein deutlich anderes Publikum nimmt das Familienstück „Pumuckl“ in den Blick. Premiere ist am 4. Oktober. Regisseur Johannes Kalle Schäfer interessiert sich nach Angaben des Theaters besonders für die „punkige“ Seite des Kobolds. Das JT möchte den Stoff ausdrücklich generationenübergreifend erzählen. Kinder kennen Pumuckl aus aktuellen Produktionen, Eltern und Großeltern oftmals noch aus früheren Büchern und Fernsehfassungen. Im Mittelpunkt steht dabei die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Meister Eder und dem Kobold. Mit „22 Bahnen“ nach dem Erfolgsroman von Caroline Wahl greift das Theater anschließend einen Stoff auf, der auch in Göttingen auf großes Interesse stoßen dürfte. Im Mittelpunkt steht Tilda, die Mathematik studiert, im Supermarkt arbeitet und gleichzeitig Verantwortung für ihre jüngere Schwester übernimmt, weil ihre Mutter alkoholkrank ist. Das Stück verbindet damit Fragen von Klassismus und prekären Lebensverhältnissen mit der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben.

Demokratie kommt ins Klassenzimmer
Einen besonderen Stellenwert soll in der neuen Saison erneut die Arbeit mit Schulen erhalten. Ein neues Klassenzimmerstück beschäftigt sich mit Demokratie, Partizipation, Fake News und der Verlässlichkeit von Informationen. Der Impuls dafür kam nach Angaben des JT auch aus Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei nicht lediglich Zuschauer bleiben. Das Theater setzt auf ein immersives Format, in dem die Jugendlichen in die Suche nach Lösungen einbezogen werden. Für Zacek liegt darin eine besondere Stärke des Theaters: Demokratie werde nicht nur als abstrakter Begriff behandelt, sondern unmittelbar erfahrbar. Auch die theaterpädagogische Arbeit wird fortgesetzt. Das Junge Theater ist mit seinen Produktionen inzwischen weit über Göttingen hinaus unterwegs. In der vergangenen Spielzeit gab es nach Angaben des Hauses 42 Gastspiele mit annähernd 5.000 Besucherinnen und Besuchern.
Komödie, Christa Wolf und Patrick Süßkind
Breit bleibt die programmatische Spannweite. Mit „Nein zum Geld!“ von Flavia Coste steht eine Silvesterkomödie auf dem Spielplan, die ihren Humor mit einer deutlichen Kapitalismuskritik verbindet.
Patrick Süßkinds „Der Kontrabass“ bringt dagegen einen modernen Klassiker auf die Bühne. Jan Reinartz übernimmt die einzige Rolle des Abends. Hinter dem Humor des Monologs stehen Themen wie Einsamkeit, unerfüllte Sehnsucht und die Frage, ob ein Mensch aus seinem festgefahrenen Leben ausbrechen kann. Im Februar folgt Christa Wolfs „Medea. Stimmen“. Die Neuinterpretation des antiken Mythos verschiebt die Perspektive auf Medea und behandelt Fremdsein, Flucht, Ausgrenzung und das Aufeinanderprallen unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme. In „Was war und was wird“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz folgt im April eine Beziehungsgeschichte über Entscheidungen und verpasste Möglichkeiten. Ebenfalls im April kommt Peter Jordans „Marie-Antoinette oder Kuchen für alle“ auf die Bühne – eine komödiantische Auseinandersetzung mit Privilegien und der Entfremdung gesellschaftlicher Eliten.
Göttingen und das Gauß-Jahr
Einen deutlichen lokalen Bezug bekommt die Spielzeit im Mai. Zum Gauß-Jahr plant das JT Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ als Live-Hörspiel. Dabei soll es möglichst nicht beim klassischen Theaterraum bleiben. Im Gespräch sind Göttinger Vermessungspunkte oder sogar der Gaußturm als Spielort. Wie genau das Projekt umgesetzt wird, befindet sich noch in der Entwicklung. Im Sommer zieht das Theater wieder auf seine Hofbühne. Dort soll „Prinzessin Lillifee“ für das jüngere Publikum gespielt werden. Insgesamt kündigt das JT zwölf Premieren an. Zusammen mit Wiederaufnahmen stehen nach Angaben des Hauses 24 Produktionen zur Verfügung.

Sanierung: Umzug weiterhin für 2028 im Blick
Beim Pressegespräch ging es auch um den Stand der Bauarbeiten am Stammhaus. Nach Angaben der Geschäftsführung liegen die Arbeiten weiterhin im Zeit- und Kostenplan. Ziel sei, die Bauarbeiten Ende 2027 so weit abzuschließen, dass Abnahmen und technische Testläufe beginnen können. Ein Umzug könnte dann im Frühjahr 2028 möglich werden. Wann er tatsächlich stattfindet, soll auch vom weiteren Baufortschritt und vom Spielbetrieb abhängen. Bis dahin bleibt das Junge Theater an seinem Ausweichspielort.
Ein ambitionierter Spielplan bei engem finanziellen Rahmen
Die Größe des Programms wirft allerdings auch die Frage nach den wirtschaftlichen Bedingungen auf. Nach Angaben des Geschäftsführers Tobias Sosinska bewegt das Junge Theater jährlich ein Gesamtvolumen von rund 1,5 Millionen Euro. Etwa 35 bis 40 Prozent davon erwirtschafte das Haus selbst – über Eintrittseinnahmen, Sponsoring, Projektförderungen und weitere Einnahmen. Von Stadt und Landkreis kommen zusammen rund eine Million Euro Förderung. Die Zuschussvereinbarungen wurden verlängert und enthalten weiterhin Anpassungen an die Preisentwicklung. Damit besteht zunächst Planungssicherheit. Dennoch bezeichnete die Geschäftsführung die Situation als knapp. Besonders deutlich wird dies bei den Personalkosten: Die Bezahlung der Beschäftigten liege teilweise an beziehungsweise unter den sonst üblichen Tarifen. Das JT ist als Privattheater nicht in gleicher Weise tarifgebunden wie beispielsweise das Deutsche Theater. Gehaltsanpassungen seien vorgesehen, soweit die wirtschaftlichen Möglichkeiten dies zulassen.
Gleichzeitig steht mit dem geplanten Kulturentwicklungsplan der Stadt eine grundsätzlichere Diskussion bevor: Wie viel Kultur will und kann Göttingen langfristig finanzieren? Das Junge Theater will diese Debatte gemeinsam mit den anderen Kulturinstitutionen führen und nicht auf Kosten anderer Einrichtungen.
Ein Theater, das sich einmischen will
Der erste Spielplan unter Angelika Zacek zeigt bereits eine erkennbare Handschrift. Das Junge Theater bleibt ein Haus für unterschiedliche Generationen – vom Kita-Stück über Pumuckl und Klassenzimmertheater bis zu Christa Wolf und Patrick Süßkind. Auffällig ist aber die politische Klammer: Demokratie, gesellschaftliche Polarisierung, soziale Herkunft, Privilegien und Geschlechterverhältnisse tauchen in sehr unterschiedlichen Formen immer wieder auf.
Zacek setzt damit zum Beginn ihrer Intendanz nicht auf einen radikalen Bruch mit dem bisherigen JT, sondern auf eine Weiterentwicklung: populäre Stoffe und Unterhaltung auf der einen, gesellschaftspolitische Intervention auf der anderen Seite. Gerade diese Mischung könnte zum Profil der neuen Ära werden.
Ulf Engelmayer
Jutta Engelmayer
Fotos: ©Radio Leinewelle (Jutta Engelmayer
