Landratswahl LK Göttingen: Witt und Adam gehen in die Stichwahl – Riethig scheitert deutlich

Die Entscheidung über die künftige Spitze des Landkreises Göttingen fällt erst in zwei Wochen. Bei der Landratswahl erreichte Dr. Ulrike Witt von der SPD im ersten Wahlgang 25,3 Prozent. Harm Adam von der CDU folgt mit 23,4 Prozent. Beide treten am 27. September in der Stichwahl gegeneinander an. Witt sprach am Wahlabend von einem besonderen Erfolg, weil sie erst im Mai nominiert worden sei und viele Menschen im Landkreis sie zunächst nicht gekannt hätten. Neben dem Wahlkampf in den SPD-Ortsvereinen habe vor allem der persönliche Kontakt eine wichtige Rolle gespielt. „Jetzt werden wir weiter hart um jede Stimme kämpfen“, kündigte Witt im Gespräch mit Radio Leinewelle an. Sie wolle dabei ausdrücklich auch Menschen ansprechen, die im ersten Wahlgang andere Parteien gewählt hätten.

Niedersachsens Sozialminister und Göttinger SPD-Vorsitzender Dr. Andreas Philippi zeigte sich erleichtert. Nach der Krise um Marcel Riethig sei es notwendig gewesen, personell eine klare Konsequenz zu ziehen. Witt bezeichnete er als erfahrene Kandidatin und als „kompletten Gegenentwurf“ zum suspendierten Landrat. Nach der Stichwahl müsse es darum gehen, die demokratischen Kräfte im Landkreis wieder zusammenzuführen.

Harm Adam sieht Chance auf einen Wechsel

Harm Adam wertete seine 23,4 Prozent als Ergebnis im erwarteten Bereich. Der Rückstand auf Witt beträgt weniger als zwei Prozentpunkte. Der CDU-Kandidat will nun um Unterstützung aus dem gesamten demokratischen Spektrum werben. Im Mittelpunkt des zweiten Wahlgangs sieht Adam die Zukunft der Kreisverwaltung, schnellere Entscheidungsprozesse und die schwierige Finanzlage des Landkreises. Das Ergebnis zeige aus seiner Sicht, dass viele Wählerinnen und Wähler Veränderungen erwarteten. Besorgt äußerte sich Adam über die regional sehr unterschiedlichen Ergebnisse und das Erstarken der AfD – insbesondere in Teilen des Altkreises Osterode. Dahinter stehe bei einigen Menschen das Gefühl, von politischen Entscheidungen und Entwicklungen abgehängt zu sein. Diese Sorgen müssten demokratische Parteien ernst nehmen, ohne die politischen Antworten der AfD zu übernehmen.

Pippa Schneider erreicht starken dritten Platz

Pippa Schneider von den Grünen kam auf 17,3 Prozent und damit auf einen beachtlichen dritten Platz. Im Wahlkampf seien im gesamten Landkreis vor allem Mobilität, Bildung, soziale Infrastruktur und Klimaschutz angesprochen worden, sagte Schneider im gemeinsamen Interview mit der Göttinger Grünen-OB-Kandidatin Onyeka Oshionwu. Viele Fragen hätten sich in Stadt und ländlichem Raum geähnelt: Wie kommen Menschen zum Arzt oder zum nächsten Mittelzentrum? Wie können Dörfer ihre Infrastruktur, ulturangebote und Angebote für Jugendliche erhalten? Und wie lässt sich verhindern, dass sich Menschen abgehängt fühlen? Eine Empfehlung für die Stichwahl gab Schneider zunächst nicht ab. Die Grünen wollten Gespräche mit Witt und Adam führen und anschließend über ihre Positionierung entscheiden. Angesichts des knappen Abstands zwischen SPD und CDU könnten die Stimmen der Grünen im zweiten Wahlgang entscheidend werden.

Achtungserfolg für Nina Lauterbach

Ein besonders starkes Ergebnis erzielte Nina Lauterbach von der Linken. Sie erhielt 10,3 Prozent und überschritt damit ihr selbst gesetztes Ziel von zehn Prozent. Für eine Kandidatin, die bislang nur wenig kommunalpolitische Bekanntheit besaß, ist das ein deutlicher Achtungserfolg. Lauterbach konnte sich mit sozialen Themen in einem ungewöhnlich großen Bewerberfeld profilieren. Ihre Wählerinnen und Wähler bilden nun ebenfalls eine wichtige Gruppe für die Stichwahl. Witt und Adam müssen deutlich machen, welche Antworten sie auf soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten, Mobilität und die Versorgung des ländlichen Raums geben wollen.

Riethigs Ergebnis zeigt Rückhalt – aber auch klare Grenzen

Der suspendierte Landrat Marcel Riethig verfehlte mit 14,8 Prozent nicht nur die Stichwahl, sondern landete hinter Pippa Schneider lediglich auf Platz vier. Das ist eine klare persönliche und politische Niederlage. Sein Versuch, sich nach dem Bruch mit der SPD als unabhängiger Kandidat der Bürgergemeinschaft Landkreis Göttingen erneut legitimieren zu lassen, ist gescheitert. Gleichzeitig sind fast 15 Prozent nicht bedeutungslos. Riethig gelang es, Unzufriedenheit mit der Kreisverwaltung, den etablierten Parteien und dem Umgang mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen auf seine Person zu bündeln. Das Ergebnis belegt einen weiterhin vorhandenen persönlichen Rückhalt – besonders in Teilen des Altkreises Osterode. Für den erneuten Einzug ins Kreishaus reichte dieser Protest- und Unterstützerblock jedoch bei Weitem nicht. Riethig lag 10,5 Prozentpunkte hinter Witt und 8,6 Punkte hinter Adam. Selbst Schneider setzte sich mit 2,5 Punkten Vorsprung vor ihn. Von einem offenen Vertrauensvotum für den suspendierten Amtsinhaber kann daher nicht gesprochen werden. Die Mehrheit der Wählenden hat sich für andere Kandidatinnen und Kandidaten entschieden.

Auch Harm Adam nannte Riethigs Ergebnis zwar „sehr stark“, verwies aber darauf, dass dieser Unzufriedenheit kanalisiert habe. Aufgabe der künftigen Landkreisspitze sei es nun, berechtigte Kritik aufzugreifen und mit schnelleren, bürgerfreundlicheren und rechtssicheren Verwaltungsprozessen zu beantworten.

Ergebnis der Landratswahl

Kandidatin/KandidatPartei/WählergruppeErgebnis
Dr. Ulrike WittSPD25,3 %
Harm AdamCDU23,4 %
Pippa SchneiderGrüne17,3 %
Marcel RiethigBLG14,8 %
Nina LauterbachDie Linke10,3 %
Harald WegenerWLG4,7 %
Till Jonas HampeVolt4,1 %


Die Wahlbeteiligung lag bei 63,5 Prozent und damit deutlich über den 56,3 Prozent von 2021. Insgesamt wurden 479 Wahlbezirke ausgezählt. Die Ergebnisse sind noch vorläufig. Die Stichwahl findet am Sonntag, 27. September, statt. 

Ulf Engelmayer

Radio Leinewelle
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