
Mit einem deutlichen Ergebnis hat Onyeka Oshionwu von Bündnis 90/Die Grünen die Stichwahl um das Amt der Göttinger Oberbürgermeisterin gewonnen. Sie erhielt 62,95 Prozent der Stimmen, ihr CDU-Mitbewerber Ehsan Kangarani kam auf 37,05 Prozent. Damit wird erstmals eine Grünen-Politikerin an der Spitze der Göttinger Stadtverwaltung stehen. Im Interview mit Radio Leinewelle stellte Oshionwu vor allem die breite Beteiligung während des Wahlkampfs heraus. Das Wahlprogramm sei nicht allein in Parteigremien entstanden, sondern nach fünf öffentlichen Themenforen, in denen Bürgerinnen und Bürger ihre Erfahrungen, Ideen und Erwartungen eingebracht hätten. „Dieses Wahlprogramm ist auch immer so ein bisschen das Best-of Göttingen.“ Dabei habe ihr Team bewusst nach neuen Wegen gesucht, um Menschen außerhalb klassischer politischer Veranstaltungen zu erreichen. Gespräche fanden auf Spielplätzen, in Clubs, bei Festen und an den Haustüren statt. Hinzu kam eine intensive Präsenz in den sozialen Netzwerken. „Man kann und muss viele Präsenzangebote machen. Aber man muss auch im digitalen Raum präsent sein, damit die Leute überhaupt wissen, dass es diese Angebote gibt.“ Als wichtige Themen ihres künftigen Amtes nennt Oshionwu Klimaanpassung, Bildung, bezahlbares Wohnen, Wirtschaft und die Modernisierung der Verwaltung. Der zurückliegende heiße Sommer habe deutlich gemacht, dass Klimapolitik auch eine Frage des unmittelbaren Schutzes der Menschen sei. Schulen und Kindertagesstätten seien zeitweise mit kaum noch erträglichen Temperaturen konfrontiert gewesen. „Wir wollen eine Stadt, die auch in den nächsten 50 Jahren noch lebenswert ist. Das wird nur gehen, wenn wir uns gut an die Klimakrise anpassen.„
Verwaltung soll digitaler werden
Vor Oshionwu liegt nun auch die Aufgabe, die große Göttinger Stadtverwaltung zu führen. Sie kündigte an, zunächst intensiv mit den Beschäftigten und den einzelnen Fachbereichen ins Gespräch zu kommen. Verwaltungsabläufe sollen genauer betrachtet und stärker an den unterschiedlichen Lebenslagen der Menschen ausgerichtet werden. „Ich weiß, dass ich eine deutlich digitalisiertere Stadt möchte. Aber ich möchte die Kolleginnen und Kollegen auf diesem Weg mitnehmen und gemeinsam mit ihnen die Stadt voranbringen.“ Auch im neu gewählten Rat wird die künftige Oberbürgermeisterin auf wechselnde oder fraktionsübergreifende Mehrheiten angewiesen sein. Die Grünen stellen zwar die stärkste Kraft, der Rat bleibt jedoch politisch vielfältig. Oshionwu will deshalb mit allen demokratischen Parteien sprechen – ausdrücklich auch mit den Parteien und Kandidaten, die nicht mehr an der Stichwahl beteiligt waren.
Viele Menschen haben mir ihr Vertrauen ausgesprochen, aber eben auch viele nicht. Deshalb möchte ich schauen, welche Ideen auch die anderen Parteien haben und was wir davon umsetzen können.
Onyeka Oshionwu
Kollenrott würdigt zugewandten Wahlkampf
Die grüne Landtagsabgeordnete Marie Kollenrott bezeichnete das Ergebnis als Zusammenspiel einer starken Kandidatin, eines engagierten Teams und der langjährigen Arbeit zahlreicher Menschen in Göttingen. In ihrer Dankesrede hob sie besonders Oshionwus Haustürwahlkampf und deren Bereitschaft zum Zuhören hervor. „Du hast das alles mit einem Lächeln im Gesicht und endloser Geduld im Gespräch gemeistert, weil dich dein Gegenüber und die Anliegen der Menschen wirklich interessieren.“ Oshionwu habe Gehörtes immer wieder unmittelbar in neue politische Ideen übersetzt. Politik erfordere Demut und echte Zuwendung, sagte Kollenrott. Der Wahlsieg sei deshalb nicht nur das Ergebnis der letzten Wochen, sondern stehe auf den Schultern vieler Menschen, die sich seit Jahren für ein soziales, ökologisches, vielfältiges und solidarisches Göttingen einsetzten.
Meyer und Trittin sehen Erfolg einer neuen Wahlkampfform
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer wertete das Ergebnis als Zustimmung zu Weltoffenheit, sozialer Gerechtigkeit und Klimaschutz. „Die Themen haben gezogen. Wir danken für dieses große Vertrauen.“ Entscheidend sei auch gewesen, Menschen mit besonderen sozialen Anliegen aufzusuchen und nicht darauf zu warten, dass sie zu klassischen Wahlkampfveranstaltungen kommen. Meyer sprach von einer Politik des Kümmerns, die für Sorgen und konkrete Probleme ansprechbar sei.
Der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin sieht in dem Ergebnis zugleich einen persönlichen Erfolg Oshionwus. Sie habe von Haustür zu Haustür einen intensiven Wahlkampf geführt und diesen mit einer klugen Social-Media-Strategie verbunden. „Zuhören, empathisch auf Menschen eingehen und trotzdem eine klare Position haben.“ Das Resultat zeige, wie stark Kommunalwahlen inzwischen durch die Persönlichkeit der Kandidierenden geprägt würden. Für die Zusammenarbeit mit dem vielfältig zusammengesetzten Rat sieht Trittin eine wichtige Grundlage in der demokratischen Kultur des zurückliegenden Wahlkampfs: „Wir sind Wettbewerber um das bessere Göttingen, aber wir sind keine Feinde.“

Zusammenarbeit mit dem Landkreis
Oshionwu kündigte außerdem eine engere Abstimmung mit der künftigen Landrätin Dr. Ulrike Witt an. Angesichts der angespannten Haushaltslage müssten Stadt und Landkreis Vorhaben häufiger gemeinsam planen, statt parallele Strukturen aufzubauen. Damit beginnt nach dem klaren Wahlergebnis nun die schwierigere Phase: Aus Beteiligungsformaten, Wahlversprechen und Gesprächen müssen konkrete Entscheidungen werden. Oshionwu selbst formuliert den Anspruch, nicht nur die eigenen Unterstützerinnen und Unterstützer mitzunehmen, sondern als Oberbürgermeisterin für die gesamte Stadt zu handeln.
Zentrale Wahldaten
- Stichwahl: 27. September 2026
- Onyeka Oshionwu, Grüne: 62,95 Prozent
- Dr. Ehsan Kangarani, CDU: 37,05 Prozent
- Vorsprung: 25,90 Prozentpunkte
- Amt: Oberbürgermeisterin der Stadt Göttingen
- Vorgängerin: Petra Broistedt, SPD
- Amtszeit: acht Jahre
Ulf Engelmayer
Fotos: ©Jutta Engelmayer / Radio Leinewelle
