„Gen Z regelt“ – Mindestens 800 Menschen demonstrieren in Göttinge

Bessere Bildung, ein bezahlbares Leben und mehr Mitsprache: Rund 800 Menschen haben am Samstag, 31. Oktober, unter dem Motto „Gen Z regelt“ in Göttingen demonstriert. Veranstalter und Polizei nannten übereinstimmend diese Teilnehmerzahl. Die Versammlung verlief laut Polizei friedlich und ohne Zwischenfälle. Hinter der kurzfristigen Mobilisierung standen vor Ort auch bestehende linke Organisationsstrukturen.

Wegen der gestiegenen Zahl erwarteter Teilnehmender war die Auftaktkundgebung auf den Göttinger Bahnhofsvorplatz verlegt worden. Dort begann die Veranstaltung gegen 14 Uhr. Der Demonstrationszug führte anschließend über das Groner Tor zum Gänseliesel und über die Goetheallee zurück zur Abschlusskundgebung am Bahnhof. Gegen 16.30 Uhr endete die Demonstration. Zu Verkehrsbehinderungen kam es nach Angaben der Polizei angesichts des Feiertags nicht.

Trotz feuchtkalten Wetters sammelten sich immer mehr Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach dem Eindruck von Radio Leinewelle prägten Jugendliche und junge Erwachsene das Bild. Zugleich waren Unterstützerinnen und Unterstützer aus bestehenden politischen Gruppen sichtbar. Die Moderatorinnen Sophie und Katja stellten sich als Mitglieder des Sozialistisch-demokratischen Studierendenverbands SDS vor. Sie berichteten, den Protest nach Göttingen geholt zu haben. Wenige Tage zuvor habe man noch mit etwa 200 Menschen gerechnet. Anschließend hätten Menschen aus verschiedenen Gruppen innerhalb kurzer Zeit gemeinsam die Demonstration vorbereitet.

Persönliche Erfahrungen und politische Forderungen

Wie eng Alltagserfahrungen und politische Forderungen zusammenhängen, zeigte der Beitrag der 25-jährigen Studentin Sophie. Sie schilderte, wie eine Migräneerkrankung ihr Studium und ihr soziales Leben zeitweise erheblich eingeschränkt habe. Eine wirksame Behandlung habe ihr wieder mehr Teilhabe ermöglicht. Nun fürchte sie um deren weitere Finanzierung. Ihre Schilderung stand für eine Sorge, die mehrere Redebeiträge verband: dass Gesundheit, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe zunehmend vom eigenen Geldbeutel abhängen. Ein Redner von „Azubis gegen rechts“ beschrieb Frustration über veraltete Ausbildungsbedingungen und die finanzielle Enge junger Menschen. Hohe Wohnkosten, steigende Ticketpreise und fehlende soziale Angebote wurden als Belastungen benannt. Das Schulstreikkomitee und der Internationale Jugendverband verbanden diese Themen mit einer deutlichen Ablehnung von Wehrpflicht und Aufrüstung. Die Lehrerin und Bildungsaktivistin Denise, die sich auch als Mitglied der Linken vorstellte, kritisierte Leistungsdruck, Ausgrenzung und mangelnde Flexibilität im Bildungssystem. Sie forderte, junge Menschen an den Entscheidungen über ihren Alltag zu beteiligen. „Junge Menschen sind nicht nur die Zukunft dieser Gesellschaft, sie sind ihre Gegenwart und sie haben ein Recht darauf, diese Gegenwart mitzugestalten“, sagte sie. Ein als Beitrag des Jugendparlaments angekündigter Redebeitrag betonte die Verantwortung für andere: Wer selbst unter vergleichsweise sicheren Bedingungen aufwachse, habe Möglichkeiten, sich gegen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung einzusetzen.

Über soziale Medien entstanden, vor Ort politisch organisiert

„Gen Z regelt“ ist nach Angaben der Initiatoren innerhalb weniger Wochen aus Kontakten über soziale Medien entstanden. TikTok, Instagram und Telegram dienten zur Vernetzung und Mobilisierung. Die bundesweite Initiative versteht sich als unabhängig und überparteilich. Die örtlichen Proteste haben jedoch unterschiedliche Organisationsstrukturen. Für Göttingen ist die Mitwirkung von SDS-Aktiven durch deren eigene Aussagen bei der Kundgebung belegt. Der SDS ist der parteinahe Studierendenverband der Linken. Seine Rolle ging hier über die bloße Teilnahme hinaus: Mitglieder wirkten an der Mobilisierung mit und führten durch das Programm.

Auch bundesweit unterstützt Die Linke die Proteste ausdrücklich. In einem am 26. Oktober veröffentlichten Parteivorstandsbeschluss ruft sie ihre Mitglieder und Gliederungen dazu auf, sich an Mobilisierungen zu beteiligen und den Austausch mit örtlichen Initiativen zu suchen.

Kritik gibt es an der Transparenz der Bewegung. Der Landesschülerrat Niedersachsen distanzierte sich im Vorfeld unter anderem wegen unklarer Verantwortlichkeiten und der Sorge vor politischer Vereinnahmung. Diese Kritik betrifft die Organisationsstruktur; sie stellt das Recht junger Menschen auf politischen Protest nicht infrage.

Vom Protest zur dauerhaften Beteiligung

In Göttingen zeigte sich ein jung geprägter Protest mit deutlich linken und antimilitaristischen Positionen. Er machte die Anliegen eines mobilisierten Teils junger Menschen sichtbar, lässt aber keine Rückschlüsse auf die politischen Einstellungen einer ganzen Generation zu. Die Verbindung einer kurzfristigen Mobilisierung über soziale Medien mit erfahrenen politischen Gruppen kann Beteiligung ermöglichen und einer Demonstration organisatorischen Rückhalt geben. Sie wirft zugleich Fragen auf: Wer entscheidet über Forderungen und Rednerauswahl? Wie können bislang unorganisierte Jugendliche mitbestimmen? Und wie transparent werden Unterstützung und Verantwortlichkeiten gemacht?

Für Göttingen bieten die angesprochenen Alltagssorgen konkrete Ansatzpunkte – von bezahlbarem Wohnen über Bildung und Mobilität bis zu erreichbaren Beratungs- und Unterstützungsangeboten. Entscheidend wird sein, welche überprüfbaren Forderungen daraus entstehen und wie Politik und Institutionen darauf reagieren.

Auf der Kundgebung wurde bereits für weitere Proteste am 20. November geworben. Ob aus dem Demonstrationstag dauerhaftes Engagement entsteht, wird sich auch an der Arbeit zwischen den öffentlichen Aktionen zeigen.

Text & Fotos: Ulf Engelmayer

Radio Leinewelle
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