Fünf Jahre Pandemieforschung in Niedersachsen – Lehren aus der Corona Krise

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Was haben Gesellschaft und Medizin aus der Corona-Krise gelernt?

Hannover/Göttingen. Fünf Jahre nach dem Start des COVID-19 Forschungsnetzwerks Niedersachsen (COFONI) ziehen Wissenschaft und Politik Bilanz. Beim Abschlusssymposium im Schloss Herrenhausen diskutierten Forschende, Politiker, Mediziner und Vertreter aus Gesellschaft und Wirtschaft die wichtigsten Erkenntnisse aus der Pandemie – und die Frage, wie Deutschland auf zukünftige Gesundheitskrisen vorbereitet ist.  Was 2020 als schnelle Reaktion auf die ersten Corona-Fälle begann, entwickelte sich zu einem der größten interdisziplinären Forschungsverbünde Deutschlands. Rund 19 Millionen Euro investierte das Land Niedersachsen in 38 Forschungsprojekte mit 25 Partnerinstitutionen. Ziel war es, nicht nur das Virus besser zu verstehen, sondern auch die medizinischen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie wissenschaftlich aufzuarbeiten. 

Von der Virusforschung zur Gesellschaftsforschung

Zu Beginn standen die biologischen Eigenschaften von SARS-CoV-2 im Mittelpunkt. Forschende untersuchten, wie das Virus in Zellen eindringt, wie das Immunsystem reagiert und welche therapeutischen Ansätze helfen könnten. Nach Angaben des COFONI-Sprechers Prof. Dr. Jürgen Wienands gelang es unter anderem, Antikörper mit breiter Schutzwirkung zu identifizieren und Mechanismen zu erforschen, mit denen der Eintritt des Virus in Lungenzellen blockiert werden kann. Zudem wurden bestehende Wirkstoffe auf ihre Eignung gegen das Coronavirus untersucht. Mit dem Auftreten von Long- und Post-Covid erweiterte sich das Netzwerk. Medizinische Forschung wurde um Versorgungsforschung sowie sozial- und gesellschaftswissenschaftliche Untersuchungen ergänzt. Genau dieser interdisziplinäre Ansatz gilt als Besonderheit von COFONI und wurde bundesweit als Modellprojekt wahrgenommen. 

Long Covid bleibt ein zentrales Forschungsthema

Wissenschaftsminister Falko Mohrs hob hervor, dass Niedersachsen bereits frühzeitig die Erforschung von Long Covid in das Forschungsprogramm aufgenommen habe. Bereits 2021 wurden die langfristigen Folgen der Erkrankung systematisch untersucht. Die dabei entstandenen Forschungsstrukturen könnten künftig eine wichtige Rolle in der von der Bundesregierung ausgerufenen „Nationalen Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen“ spielen. Besonders die Verbindung von Immunologie, Virologie, klinischer Forschung und Sozialwissenschaften habe dazu beigetragen, Long Covid umfassend zu untersuchen. Gleichzeitig rückten auch andere postinfektiöse Erkrankungen wie das Fatigue-Syndrom stärker in den Fokus der Wissenschaft. 

Die sozialen Folgen wirken bis heute nach

Neben medizinischen Fragestellungen untersuchte COFONI die Auswirkungen der Pandemie auf Arbeitswelt, Bildung, Familie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Göttinger Soziologe Prof. Dr. Berthold Vogel sieht dabei langfristige Herausforderungen. Viele Long-Covid-Betroffene würden trotz gesundheitlicher Einschränkungen weiterhin arbeiten, oft ohne ausreichende Anpassungen der Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig habe die Pandemie erhebliche institutionelle und soziale Vertrauensverluste hinterlassen. Die sozialen Langzeitfolgen könnten den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig beeinträchtigen.  Auch Kinder und Jugendliche standen im Fokus der Forschung. Die Wissenschaftler sehen die größten Belastungen weniger in Lernrückständen als vielmehr in Einsamkeit, dem Verlust sozialer Beziehungen und psychischen Belastungen. 

Forschung für die nächste Krise

Ein zentrales Ergebnis von COFONI ist der Aufbau dauerhafter Forschungsstrukturen. Dazu gehören Biobanken, Forschungsdatenbanken, Tiermodelle, Testsysteme sowie Plattformen für den Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Diese Infrastruktur soll künftig auch bei neuen Infektionskrankheiten und möglichen Pandemien genutzt werden.  Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi betonte, dass die Corona-Pandemie gezeigt habe, wie wichtig schnelle, strukturierte und interdisziplinäre Forschung sei. Die Erkenntnisse aus COFONI könnten künftig helfen, Patienten besser zu versorgen und gesundheitliche Krisen früher zu erkennen und wirksamer zu bewältigen. 


Infokasten COFONI

COFONI steht für COVID-19 Forschungsnetzwerk Niedersachsen.

Gegründet wurde der Verbund im Oktober 2020 von der Universitätsmedizin Göttingen, der Georg-August-Universität Göttingen, dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, der Medizinischen Hochschule Hannover und der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Später kamen zahlreiche weitere Hochschulen und Forschungseinrichtungen hinzu. 

Die wichtigsten Zahlen

  • Gründung: Oktober 2020
  • Fördervolumen: rund 19 Millionen Euro
  • 8 Forschungsschwerpunkte
  • 38 Forschungsprojekte
  • 25 Partnerinstitutionen
  • Abschlusssymposium mit rund 150 Teilnehmern in Hannover 

Forschungsschwerpunkte

  • SARS-CoV-2 und Krankheitsmechanismen
  • Long- und Post-Covid
  • neue Therapieansätze
  • Versorgung von Patienten
  • Arbeitswelt und Gesellschaft
  • psychische Gesundheit
  • Vertrauen und Krisenkommunikation
  • Vorbereitung auf zukünftige Pandemien 

Die wichtigste Erkenntnis aus fünf Jahren COFONI lautet: Pandemien sind weit mehr als medizinische Krisen. Sie beeinflussen Gesundheit, Arbeitswelt, Bildung, Familie und gesellschaftlichen Zusammenhalt gleichermaßen. Genau deshalb wird die Forschung, die in Niedersachsen während der Corona-Pandemie aufgebaut wurde, weit über COVID-19 hinaus Bedeutung haben.

Ulf Engelmayer

COFONI-Abschlusssymposium in Hannover (v.l.n.r.; Reihe vorne): Falko Mohrs, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur (MWK), Dr. Andreas Philippi,Niedersächsischer Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Prof. Dr. Maren von Köckritz-Blickwede, COFONI-Co-Sprecherin und Leiterin des Instituts für Biochemie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo),Prof. Dr. Berthold Vogel, Co-Vorsitzender des COFONI-Long-/Post COVID-Komitees und geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI); (v.l.n.r.; Reihe hinten): Prof. Dr. Jürgen Wienands, COFONI-Sprecher und Forschungsdekan der Medizinischen Fakultät an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), Prof. Dr. Wolfgang Brück, Sprecher des Vorstandes und Vorstand Forschung und Lehre der UMG, Prof. Dr. Klaus Osterrieder, Präsident der TiHo, Prof. Dr. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ). Foto: anna junge