
Die Zukunft der Notarztversorgung im Altkreis Osterode hat in den vergangenen Wochen für intensive Debatten gesorgt – und war auch bei der jüngsten Sitzung des Göttinger Kreistags eines der dominierenden Themen. Sowohl im Plenum als auch während der Bürgerfragestunde machten zahlreiche Bürgerinnen und Bürger und Abgeordnete deutlich, wie groß die Sorge um die Standorte in Osterode am Harz und Barbis ist. Auslöser der Diskussion sind die Verhandlungen über die Finanzierung der notärztlichen Versorgung ab 2027. Hintergrund ist die Kündigung der bisherigen Vereinbarung mit einem Leistungserbringer. In der Folge wurden verschiedene Modelle für die künftige Organisation des Rettungsdienstes geprüft. Die Befürchtung vieler Menschen im Südharz: Eine Reduzierung der Vorhaltung – insbesondere in den Nachtstunden – könnte die Versorgung in einer Region mit langen Wegen, schwieriger Topografie und einer älter werdenden Bevölkerung verschlechtern.
Fast 6.000 Unterschriften aus der Bevölkerung
Entsprechend groß fiel der Protest aus. Mehr als 5.800 Unterschriften sammelte eine Bürgerinitiative für den dauerhaften Erhalt beider Standorte. Die Listen wurden von den CDU-Kreistagsvertretern Harm Adam und Andreas Körner an die Kreisverwaltung übergeben. Der Kreistag reagierte bereits Ende Juni einstimmig und beauftragte die Verwaltung, mit den Kostenträgern über eine langfristige Finanzierung zu verhandeln und die europaweite Ausschreibung ausdrücklich auf eine durchgehende Notarztversorgung in Osterode und Barbis auszurichten.
Landkreis bringt Ausschreibung auf den Weg
Nun hat der Landkreis nach eigenen Angaben einen ersten wichtigen Schritt vollzogen: Die Ausschreibung für beide Standorte wurde veröffentlicht und sieht vor, dass Osterode und Barbis auch im Jahr 2027 rund um die Uhr besetzt bleiben. Die Erste Kreisrätin Doreen Fragel spricht von einem „starken und klaren Signal“ des Kreistags. Ziel sei es, den Menschen im Harzgebiet weiterhin eine leistungsfähige und wohnortnahe Notfallrettung zu bieten. Gleichzeitig laufen die Gespräche mit den Krankenkassen und weiteren Kostenträgern weiter. Eine endgültige Einigung steht noch aus.
Die Reaktionen der Kreistagsfraktionen
Auch die politische Opposition und mehrere Fraktionen im Kreistag haben sich deutlich positioniert. Der Vorsitzende der FDP-Kreistagsfraktion, der Arzt und Notfallmediziner Dr. Thomas Carl Stiller, formulierte seine Kritik besonders scharf: „Menschenleben sind keine Verhandlungsmasse.“ Die Versorgung im ländlichen Raum dürfe sich nicht an Sparvorgaben orientieren, sondern müsse sich am tatsächlichen medizinischen Bedarf ausrichten. Auch die CDU-Kreistagsfraktion fordert den dauerhaften Erhalt einer 24-Stunden-Versorgung. „Im Notfall zählt jede Minute“, erklärte Landratskandidat Harm Adam mit Blick auf die 5.803 Unterschriften aus der Region. Die Sicherheit der Menschen dürfe nicht von der Uhrzeit abhängen. Unterstützung kommt inzwischen auch von der Gruppe aus SPD und Grünen im Kreistag. Sie begrüßt ausdrücklich, dass die Kreisverwaltung unmittelbar nach dem einstimmigen Beschluss die europaweite Ausschreibung veröffentlicht hat. Der Vorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion, Dr. Thorsten Heinze, bezeichnete dies als „wichtiges Signal für die Menschen im Harz“. Die Notarztversorgung sei ein unverzichtbarer Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge, und die schnelle Umsetzung des Kreistagsbeschlusses schaffe die Voraussetzungen dafür, die Versorgung auch im Jahr 2027 aufrechtzuerhalten.
SPD und Grüne würdigen zudem das Engagement der Bürgerinitiative zum Erhalt der Notarztversorgung im Altkreis Osterode. Mit ihrer Petition und fast 6.000 Unterschriften habe sie eindrucksvoll gezeigt, welchen Stellenwert die notärztliche Versorgung für die Bevölkerung besitzt. Der Co-Vorsitzende der Grünen-Kreistagsfraktion, Dietmar Linne, betonte, die Initiative habe maßgeblich dazu beigetragen, dass das Thema die notwendige politische Aufmerksamkeit erhalten habe. Gleichzeitig zeige die schnelle Umsetzung des Kreistagsbeschlusses, dass Politik und Verwaltung gemeinsam handlungsfähig seien, wenn es um die gesundheitliche Versorgung der Menschen gehe. Für die Gruppe SPD/Grüne ist die nun gestartete Ausschreibung jedoch nur ein wichtiger Meilenstein. Die langfristige Finanzierung und der dauerhafte Erhalt der Standorte bleiben weiterhin Gegenstand der Verhandlungen.
Vier Notarztstandorte im Landkreis Göttingen
Der Landkreis Göttingen betreibt derzeit vier Notarztstandorte – in Osterode, Barbis, Duderstadt und Hann. Münden. Ergänzend können bei Bedarf Notärztinnen und Notärzte aus Göttingen oder benachbarten Landkreisen sowie Rettungshubschrauber eingesetzt werden.
Die Debatte ist noch nicht beendet
Auch wenn die Ausschreibung zunächst Entwarnung für das Jahr 2027 bedeutet, bleibt die Frage der langfristigen Finanzierung offen. Die heftigen Diskussionen im Kreistag und die hohe Zahl an Unterschriften zeigen jedoch, dass die Notarztversorgung im Südharz weit mehr ist als eine organisatorische Frage – sie wird von vielen Menschen als zentraler Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden.
Ulf Engelmayer
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