
Bei der Wahl um das Göttinger Oberbürgermeisteramt hat Onyeka Oshionwu von den Grünen einen deutlichen Vorsprung erzielt. Sie erhielt im ersten Wahlgang 41,4 Prozent der Stimmen. In der Stichwahl am 27. September trifft sie auf den CDU-Kandidaten Dr. Ehsan Kangarani, der auf 27,9 Prozent kam. Für die Göttinger SPD bedeutet das Ergebnis eine historische Niederlage. Ihr Kandidat Dr. Florian Dinger erreichte 21,6 Prozent und verfehlte damit den zweiten Wahlgang. Dr. Thomas Goes von der Linken kam auf 9,1 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 61,6 Prozent. Damit beteiligten sich 57.225 der knapp 93.000 Wahlberechtigten an der OB-Wahl.
Oshionwu spricht von „extremer Dankbarkeit“
Oshionwu zeigte sich am Wahlabend auf der Grünen-Wahlparty in der Musa überwältigt. Ein solches Ergebnis sei nicht allein zu erreichen. Dazu gehörten ein gutes Team und viele Menschen, die ihr Vertrauen geschenkt hätten. Die Kandidatin sieht ihr Ergebnis auch als Bestätigung für einen Wahlkampf, bei dem Bürgerbeteiligung eine zentrale Rolle gespielt hat. Das Programm sei in den „Göttingen-Rede“-Foren gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern entwickelt worden. Dabei sei viel von der in der Stadt vorhandenen Fachkenntnis eingeflossen. Oshionwu bezeichnete das Programm im Gespräch mit Radio Leinewelle deshalb als eine Art „Best of Göttingen“.
Trotz ihres Vorsprungs von mehr als 13 Prozentpunkten gegenüber Kangarani ist die Wahl noch nicht entschieden. In den kommenden zwei Wochen wolle sie auch diejenigen überzeugen, die im ersten Wahlgang noch für einen anderen Kandidaten gestimmt hätten. Ihr Ziel sei ein „Göttingen der Zukunft für alle“. Beim Thema Klimaschutz versuchte Oshionwu zugleich, die Verbindung zu anderen kommunalpolitischen Fragen herzustellen. Klimapolitik sei auch Wirtschafts-, Gesundheits- und Sozialpolitik. Hitzeschutz, Starkregenvorsorge und energetisch besser geschützte Wohnungen beträfen die Stadt unmittelbar.
Kangarani wird zum Herausforderer
Dr. Ehsan Kangarani geht mit 27,9 Prozent als Zweitplatzierter in die Stichwahl. Der CDU-Kandidat liegt zwar deutlich hinter Oshionwu, hat aber weiterhin die Chance, das Oberbürgermeisteramt zu gewinnen. Entscheidend wird sein, ob Kangarani neben den CDU-Wählerinnen und -Wählern auch größere Teile des sozialdemokratischen, liberalen und konservativen Spektrums mobilisieren kann. Da die Stichwahl eine eigenständige Wahl ist, lässt sich das Ergebnis des ersten Wahlgangs nicht einfach hochrechnen. Ein eigener O-Ton Kangaranis liegt Radio Leinewelle vom Wahlabend nicht vor. Wegen der zeitgleichen Termine in der Stadt kam ein geplantes Gespräch knapp nicht zustande.
Dinger gratuliert den beiden Konkurrenten
Für Florian Dinger und die SPD blieb der Wahlabend dagegen enttäuschend. Mit 21,6 Prozent lag der Kandidat deutlich hinter Oshionwu und gut sechs Prozentpunkte hinter Kangarani. Damit steht bereits vor der Stichwahl fest, dass die SPD das Oberbürgermeisteramt verliert. Seit 2006 hatte sie ununterbrochen die Verwaltungsspitze gestellt. Dinger nahm die Niederlage mit bemerkenswert fairen Worten an. Er dankte seinem Team für den gemeinsamen Wahlkampf und erklärte: „Wir in der SPD gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen.“ Zugleich gratulierte er Oshionwu und Kangarani ausdrücklich zum Einzug in die Stichwahl. Beide hätten einen guten Wahlkampf geführt und verdienten dafür Respekt. Damit setzte Dinger am Wahlabend ein bewusst sachliches Signal, ohne bereits eine Wahlempfehlung für den zweiten Wahlgang auszusprechen. Das schwache Abschneiden ist nicht nur eine persönliche Niederlage des Kandidaten. Es zeigt auch einen deutlichen Vertrauensverlust der SPD in einer Stadt, deren politische Führung sie über Jahrzehnte geprägt hat. Dinger gelang es offenbar nicht, sich ausreichend von der amtierenden Oberbürgermeisterin Petra Broistedt und der bisherigen Rathauspolitik abzusetzen und gleichzeitig als glaubwürdiger Kandidat für einen Neuanfang wahrgenommen zu werden.
Goes verweist auf taktisches Wählen
Thomas Goes erreichte bei der OB-Wahl 9,1 Prozent. Der Kandidat der Linken sprach schon während der Auszählung von einem erwartbaren taktischen Wahlverhalten. Ein Teil der grundsätzlich linken Wählerschaft dürfte bereits im ersten Wahlgang für Oshionwu gestimmt haben, um ihre Ausgangsposition zu stärken. Für Goes stand deshalb auch das Ergebnis der gleichzeitig stattfindenden Stadtratswahl im Mittelpunkt. Inhaltlich will die Linke vor allem beim bezahlbaren Wohnen, beim Zustand der Göttinger Verkehrsbetriebe sowie bei Schulen und Kindertagesstätten Druck machen. Als weitere Themen aus den Haustürgesprächen nannte Goes steigende Nebenkosten, Konflikte mit Vermietern und unzureichende Busverbindungen. Am Holtenser Berg sei insbesondere die Streichung der Linie 33 auf Kritik gestoßen. Viele Menschen hätten zudem den Eindruck, dass sie zwar zu Beteiligungsverfahren eingeladen würden, ihre Vorschläge anschließend aber kaum Folgen hätten. Goes sprach von einer Göttinger „Kultur der Pseudobeteiligung“.
Ergebnis der OB-Wahl
| Kandidatin/Kandidat | Partei | Ergebnis |
| Onyeka Oshionwu | Grüne | 41,4 % |
| Dr. Ehsan Kangarani | CDU | 27,9 % |
| Dr. Florian Dinger | SPD | 21,6 % |
| Dr. Thomas Eilt Goes | Die Linke | 9,1 % |
Ausgezählt sind alle 151 Wahlbezirke. Die Stichwahl findet am Sonntag, 27. September 2026, statt.
Stadtrat: Grüne bleiben vorn, Linke legt stark zu
Bei der Stadtratswahl zeichnet sich ebenfalls eine Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse ab. Nach dem zuletzt veröffentlichten Zwischenstand bleiben die Grünen mit rund 27,6 Prozent stärkste Kraft. Gegenüber ihrem Ergebnis von 2021 mit 30,8 Prozent verlieren sie allerdings Stimmen. Die CDU folgt mit etwa 22,5 Prozent und liegt damit vor der SPD, die nur noch rund 19,7 Prozent erreicht. 2021 hatte die SPD noch 25 Prozent erhalten. Das Stadtratsergebnis bestätigt damit den Vertrauensverlust, der sich auch bei der OB-Wahl zeigt.
Der eigentliche Gewinner der Ratswahl ist die Linke. Sie verbessert sich von 7,7 Prozent im Jahr 2021 auf rund 14,3 Prozent und kann ihren Stimmenanteil damit nahezu verdoppeln. Das deutlich stärkere Ratswahlergebnis im Vergleich zu Goes’ 9,1 Prozent bei der OB-Wahl stützt dessen Einschätzung, dass ein Teil der Linken-Wählerschaft bei der Personenwahl taktisch für Oshionwu gestimmt haben könnte.
Nach dem vorläufigen Zwischenstand erreichen außerdem das BSW 3,2 Prozent, die FDP drei Prozent, Volt 2,5 Prozent und die AfD 2,2 Prozent. Die Wählergemeinschaft GöLinke kommt auf 2,1 Prozent, Die PARTEI auf 1,6 Prozent und das Bündnis für nachhaltige Stadtentwicklung auf 1,3 Prozent. Diese Zahlen beruhen noch nicht auf der vollständigen Auszählung und können sich verändern.
Politisch bedeutet das Ergebnis: Eine einfache Fortsetzung bisheriger Bündnisse ist keineswegs selbstverständlich. Die Grünen bleiben zwar die zentrale Kraft im Rat, werden für stabile Mehrheiten aber mindestens einen starken Partner benötigen. Gleichzeitig gewinnt die Linke erheblich an Gewicht. Fragen wie bezahlbares Wohnen, soziale Infrastruktur, Schulen und öffentlicher Nahverkehr dürften dadurch im neuen Rat noch stärker in den Mittelpunkt rücken.
Ulf Engelmayer
