
Drag Queens in aufwendigen Kostümen, bekannte Gesichter und Menschen, die unschuldig zum Tode verurteilt wurden: Die neue Ausstellung im Kunsthaus Göttingen zeigt, wie unterschiedlich die Geschichten hinter einem Porträt sein können.
Am vergangenen Freitag, 11. September, wurde im Kunsthaus Göttingen die Ausstellung „Martin Schoeller: Drag Queens and other Stories“ eröffnet. Der Fotograf war selbst vor Ort und führte bei der Pressekonferenz in seine Arbeit ein. Seine Bilder verteilen sich über mehrere Etagen – und wechseln dabei deutlich den Ton: von der Farbenpracht der Drag Queens über Porträts prominenter Menschen bis zu einer Videoinstallation und Fotos über ehemalige Häftlinge, die unschuldig lange Jahre in der Todeszelle saßen.
Schoeller fotografiert seine Porträts seit Jahrzehnten mit einer ähnlichen Kameraeinstellung und analog aus nächster Nähe. Die gleichbleibende Perspektive ermöglicht Vergleiche, erklärte er bei der Pressekonferenz. Sie wirft aber auch eine Frage auf: Was lässt sich aus einem Gesicht tatsächlich über einen Menschen erfahren? Ruhm, Charakter oder eine Lebensgeschichte sind darin nicht einfach abzulesen. Besonders sichtbar wird dieser Gedanke in der Serie der Drag Queens. Schoeller interessiert sich für deren Kreativität und für die Arbeit, die hinter Kostüm, Perücke und Make-up steckt. Seine großformatigen Fotografien zeigen auch kleine Unregelmäßigkeiten, die bei einem flüchtigen Blick verborgen bleiben. Die auf strukturiertem Papier gedruckten Bilder wirken dadurch fast malerisch. Das Papier stammt von Hahnemühle aus Dassel; die Zusammenarbeit mit der regionalen Manufaktur war ebenfalls Thema der Pressekonferenz.
Einen anderen Zugang wählt die Videoinstallation über Menschen, die in den USA zum Tode verurteilt und später als unschuldig entlassen wurden. Schoeller begegnete ihnen nach ihrer Freilassung. Einer der Porträtierten, Derrick Jamison, verbrachte nach Schoellers Schilderung genau 20 Jahre in der Todeszelle. Eine Markierung auf dem Boden macht die geringe Größe einer solchen Zelle erfahrbar. Hier geht es nicht allein um das Gesicht vor der Kamera, sondern um verlorene Lebenszeit und die Folgen eines Fehlurteils. Bei der Eröffnung verband Oberbürgermeisterin Petra Broistedt die Ausstellung mit einem Appell für Offenheit und Respekt. Die Fotografien laden dazu ein, Menschen jenseits schneller Vorurteile wahrzunehmen, sagte sie.

Die Ausstellung ist von Anke Degenhard kuratiert. Zur Drag-Queen-Serie ist ein neues Fotobuch im Steidl Verlag erschienen. Die Verbindung zwischen Schoeller und Gerhard Steidl reicht weit zurück: Steidl erinnerte bei der Pressekonferenz an das frühe gemeinsame Buchprojekt „Abschied von Bitterfeld“. Mit „Drag Queens and other Stories“ ist nun in Göttingen eine Ausstellung zu sehen, die Schoellers Arbeit in ihrer Bandbreite zeigt – und Besucherinnen und Besucher immer wieder vor die Frage stellt, wie sie selbst auf andere Menschen blicken.
Wer Schoeller auch bei der Arbeit erleben möchte, kann den Dokumentarfilm „We All Bleed Red“ über den Fotografen bei Prime Video finden.
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Infobox: Martin Schoeller im Kunsthaus Göttingen

| Ausstellung | „Drag Queens and other Stories“ |
| Laufzeit | 11. September bis 11. Oktober 2026 |
| Ort | Kunsthaus Göttingen, Düstere Straße 7 |
| Öffnungszeiten | Dienstag bis Freitag, 14–18 Uhr; Samstag und Sonntag, 11–18 Uhr |
| Eintritt | „Pay as you wish“: Bezahlt wird am Ende des Besuchs. Die Gäste entscheiden selbst über den Betrag. |
| Begleitend | Das Fotobuch „Martin Schoeller. Drag Queens“ ist zur Ausstellung im Steidl Verlag erschienen. Der Dokumentarfilm „We All Bleed Red“ über Schoeller ist bei Prime Video zu finden. www.kunsthaus-goettingen.de |
Ulf Engelmayer
Fotos: ©Radio Leinewelle Jutta Engelmayer
