Göttingen und Landkreis – zwei Stichwahlen, zwei politische Landkarten


Am 27. September fallen in Göttingen gleich zwei wichtige Entscheidungen: Onyeka Oshionwu und Dr. Ehsan Kangarani treten zur Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt an. Im Landkreis konkurrieren Dr. Ulrike Witt und Harm Adam um die Nachfolge an der Spitze des Kreishauses. Die Auswertung des ersten Wahlgangs zeigt dabei zwei sehr unterschiedliche Ausgangslagen.

Oshionwu stark in der Mitte, Kangarani im Westen

Bei der OB-Wahl geht Oshionwu mit einem deutlichen Vorsprung in die Stichwahl. Sie erreichte 41,44 Prozent, Kangarani 27,86 Prozent. Auch die räumliche Verteilung spricht zunächst für die Grünen-Kandidatin: Bei der Urnenwahl lag sie in 71 der 111 Göttinger Wahlbezirke vorn. Kangarani gewann 27 Bezirke, Florian Dinger zwölf und Thomas Goes einen. Oshionwus stärkstes Gebiet ist die Innenstadt. Im Wahlbereich Mitte erreichte sie bei der Urnenwahl rund 53 Prozent. Kangarani und Dinger kamen dort jeweils auf etwa 17 Prozent. Besonders deutlich war Oshionwus Vorsprung rund um Nikolaistraße, Goethe-Allee, Theaterstraße, Güterbahnhof und Neues Rathaus. Anders sieht es im Göttinger Westen aus. Dort lag Kangarani mit rund 35 Prozent vorn, gefolgt von Dinger mit gut 30 Prozent. Oshionwu erreichte lediglich rund 25 Prozent. Auch in Hetjershausen, Esebeck, Groß Ellershausen sowie Teilen Elliehausens erzielte Kangarani klare Mehrheiten gegenüber seiner Stichwahlkonkurrentin.

Damit ist die OB-Wahl trotz Oshionwus Vorsprungs noch nicht vollständig entschieden. In 15 Urnenwahlbezirken lagen Oshionwu und Kangarani höchstens fünf Prozentpunkte auseinander. Dazu gehören unter anderem Gehrenring, Trift, Leineberg und Teile von Weende-Nord. Für Kangarani wird entscheidend sein, ob er neben seinen Hochburgen im Westen einen größeren Teil der bisherigen Dinger-Wählerschaft erreicht. Oshionwu muss dagegen ihre starke Unterstützung in der Innenstadt erneut mobilisieren und zugleich Menschen gewinnen, die im ersten Wahlgang SPD oder Linke gewählt haben.

Landratswahl bleibt regional offen

Deutlich enger ist die Ausgangslage bei der Landratswahl. Witt erreichte kreisweit 25,28 Prozent, Adam 23,44 Prozent. Zwischen beiden liegen lediglich 1,84 Prozentpunkte. Witt wurde in zwölf der 19 ausgewerteten Städte, Gemeinden und Samtgemeinden stärkste Kandidatin. Besonders stark schnitt sie in Bad Grund und Osterode ab. Auch in Hattorf, Gleichen, Hann. Münden, Adelebsen und Rosdorf lag sie vor Adam. Adams Hochburgen befinden sich vor allem im Eichsfeld. In Duderstadt erreichte er knapp 40 Prozent, in der Samtgemeinde Gieboldehausen rund 39 Prozent. Auch in Bovenden wurde er stärkster Kandidat. In Staufenberg lagen Adam und Witt dagegen weniger als einen Prozentpunkt auseinander.

Eine besondere Rolle spielt die Stadt Göttingen. Hier wurde die ausgeschiedene Grünen-Kandidatin Pippa Schneider mit 28,63 Prozent stärkste Bewerberin. Witt erreichte 22,22 Prozent, Adam 20,10 Prozent. Keine der beiden Personen in der Stichwahl kann die Göttinger Stimmen deshalb als bereits gewonnen betrachten. Auch die Stimmen des suspendierten Landrats Marcel Riethig könnten Bedeutung bekommen. Er wurde in Friedland und Bad Sachsa stärkster Kandidat und erzielte auch in Dransfeld und Walkenried vergleichsweise hohe Ergebnisse. Aus den Zahlen lässt sich allerdings nicht ablesen, wie sich seine Wählerinnen und Wähler in der Stichwahl entscheiden werden.

Mobilisierung könnte den Ausschlag geben

Bei der Landratswahl fällt zudem die sehr unterschiedliche Wahlbeteiligung auf. In Gleichen und Radolfshausen lag sie bei fast 76 Prozent, in Friedland bei mehr als 74 Prozent. In Hann. Münden beteiligten sich dagegen nur 56,5 Prozent, in Bad Grund und Bad Lauterberg ebenfalls weniger als 60 Prozent. Die Karten zeigen damit keine sichere Prognose, wohl aber die strategischen Aufgaben: Oshionwu muss ihren Vorsprung verteidigen, Kangarani neue Milieus außerhalb seiner bisherigen Hochburgen erreichen. Witt verfügt im Landkreis über die größere räumliche Breite, Adam über einige besonders starke regionale Zentren. Bei der Landratswahl dürften deshalb die Stimmen für Schneider und Riethig sowie die Mobilisierung in den bislang beteiligungsschwächeren Gebieten eine entscheidende Rolle spielen. Die politische Landkarte zeigt schließlich auch, worum es nach der Wahl gehen wird: Stadtmitte, westliche Ortschaften, Altkreis Osterode, Eichsfeld und der südliche Landkreis setzen teilweise deutlich unterschiedliche Schwerpunkte. Wer eines der beiden Spitzenämter übernimmt, muss diese unterschiedlichen Räume nicht nur gewinnen, sondern anschließend auch zusammenführen.

Grafiken: Datengrundlage: Amtliche Endergebnisse des ersten Wahlgangs. Die kleinräumige OB-Karte enthält ausschließlich die 111 Urnenwahlbezirke. Die 40 Briefwahlbezirke sind im Gesamtergebnis enthalten, werden aber nicht einzelnen Wohngebieten zugerechnet.

Ulf Engelmayer

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