Die Stichwahlen in Göttingen und im Landkreis sind entschieden. Onyeka Oshionwu von den Grünen wird neue Oberbürgermeisterin, Dr. Ulrike Witt von der SPD neue Landrätin. Beide gewannen deutlich. Doch interessanter als die reinen Prozentwerte ist die Frage, wie sich die Kräfteverhältnisse innerhalb von nur zwei Wochen so stark verschieben konnten. Ein Schlüssel liegt in der Mobilisierung.
Weniger Beteiligung – trotzdem mehr Stimmen
Bei beiden Stichwahlen gingen deutlich weniger Menschen zur Wahl als zwei Wochen zuvor. Besonders stark war der Rückgang bei der Landratswahl. Der direkte Vergleich ist allerdings nur eingeschränkt möglich: Am 13. September wurden gleichzeitig die kommunalen Vertretungen gewählt, am 27. September standen nur noch die Stichwahlen an. Bemerkenswert ist deshalb etwas anderes: Trotz der geringeren Beteiligung konnten sowohl Oshionwu als auch Witt ihre absolute Stimmenzahl deutlich erhöhen.

Bei der OB-Wahl gelang auch Kangarani ein Stimmenzuwachs, allerdings wesentlich schwächer. Bei der Landratswahl ist der Unterschied noch ausgeprägter: Witt gewann massiv hinzu, während Adam in der Stichwahl sogar weniger Stimmen erhielt als im ersten Wahlgang. Das deutet auf sehr unterschiedliche Mobilisierungserfolge hin.
Bei Witt wird aus einem knappen Vorsprung ein großer Abstand
Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Verschiebung bei der Landratswahl. Im ersten Wahlgang lagen Witt und Adam noch fast gleichauf. Nur 2.895 Stimmen trennten beide. Zwei Wochen später beträgt Witts Vorsprung 31.359 Stimmen.

Witt konnte ihre Stimmenzahl gegenüber dem ersten Wahlgang um rund zwei Drittel steigern. Adam dagegen erreichte nicht mehr ganz die Zahl seiner Stimmen aus der ersten Runde. Damit wurde aus einer zunächst offenen Ausgangslage ein sehr deutliches Ergebnis. Witt muss dabei weit über ihre eigene Wählerschaft aus dem ersten Wahlgang hinaus Stimmen gewonnen haben. Woher diese Stimmen im Einzelnen kamen, lässt sich allerdings nicht feststellen. Die Wahlergebnisse zeigen keine individuellen Wählerbewegungen.
Oshionwu kann das Mitte-links-Spektrum offenbar stärker bündeln
Bei der Oberbürgermeisterwahl war die Ausgangslage eine andere. Oshionwu war bereits als deutlich stärkste Kandidatin aus dem ersten Wahlgang hervorgegangen. In der Stichwahl konnte sie ihren Vorsprung gegenüber Kangarani weiter ausbauen. Dabei dürfte auch die Unterstützung der Göttinger SPD nach dem Ausscheiden ihres Kandidaten Florian Dinger eine Rolle gespielt haben. Die Ergebnisse zeigen zumindest, dass Oshionwu über ihre Ausgangsbasis hinaus zusätzliche Stimmen mobilisieren konnte. Ob und in welchem Umfang frühere SPD- oder Linke-Wählerinnen und -Wähler zu ihr wechselten, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Ebenso wenig wissen wir, wie viele Menschen aus diesen Gruppen der Stichwahl fernblieben oder Kangarani wählten. Eine genaue Wählerwanderung wäre nur mit zusätzlichen Untersuchungen möglich.
Der Blick auf die Karte zeigt unterschiedliche politische Räume
Die regionale Verteilung ergänzt dieses Bild. Oshionwu gewann vier der fünf Göttinger Wahlbereiche. Kangarani lag lediglich im Wahlbereich West vorne. Gleichzeitig zeigen einzelne Ortschaften ein differenzierteres Bild. Der Erfolg Oshionwus ist damit besonders stark in den dichter besiedelten Teilen der Stadt, reicht aber darüber hinaus. Bei der Landratswahl ist Witts Mehrheit geografisch noch breiter. Sie gewann 17 der 19 Städte, Gemeinden und Samtgemeinden. Adam erreichte lediglich in Duderstadt und der Samtgemeinde Gieboldehausen eine Mehrheit.

Damit lässt sich Witts Erfolg auch nicht allein durch das Gewicht der Stadt Göttingen erklären. Die Kreisstadt trug erheblich zu ihrem Vorsprung bei, die Mehrheit reicht aber weit in den übrigen Landkreis hinein.
Was der Datenblick zeigt
Beide Stichwahlen haben eines gemeinsam: Entscheidend war nicht allein, wer im ersten Wahlgang vorne lag, sondern wer im zweiten Wahlgang zusätzliche Wählerinnen und Wähler erreichen konnte.
Oshionwu gelang dies deutlich besser als Kangarani. Bei Witt und Adam fällt der Unterschied noch stärker aus. Innerhalb von zwei Wochen wurde aus einem nahezu offenen Rennen um das Landratsamt ein sehr großer Abstand. Die Daten zeigen damit eindrucksvoll die Wirkung politischer Mobilisierung. Ihre Grenze ist ebenso wichtig: Sie verraten nicht, wie einzelne Menschen zwischen den Wahlgängen entschieden haben.
Genau darin liegt die Trennlinie zwischen Daten und Interpretation.
Datenquellen und Methodik
Grundlage des Datenblicks sind die von der Stadt Göttingen und dem Landkreis Göttingen veröffentlichten Wahlergebnisse vom 13. und 27. September 2026. Vergleiche der absoluten Stimmenzahlen, Veränderungen zwischen den Wahlgängen und daraus errechnete Differenzen sind eigene Berechnungen von Radio Leinewelle. Aus den aggregierten Wahlergebnissen können keine individuellen Wählerwanderungen abgeleitet werden. Grafiken: ©Radio Leinewelle
Ulf Engelmayer
