
Mit der inzwischen zehnten Stolpersteinverlegung hat die Stadt Göttingen am Donnerstag ein deutliches Zeichen für Erinnerung, Menschlichkeit und demokratische Verantwortung gesetzt. Erstmals wurden dabei nicht nur Stolpersteine für jüdische Opfer des Nationalsozialismus verlegt, sondern auch für Angehörige einer verfolgten Sinti-Familie. Die Gedenkveranstaltung begann in der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Politik- und Sozialwissenschaften. Dass die Auftaktveranstaltung nicht wie in den vergangenen Jahren im Alten Rathaus stattfand, hatte einen besonderen Grund: Nur wenige Schritte entfernt, am heutigen Hermann-Föge-Weg 8, lebte einst die jüdische Familie Blum.

Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart
In seinem Grußwort erinnerte der Soziologe Prof. Dr. Steffen Mau daran, dass eine offene Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit sei. Demokratie könne schleichend erodieren – durch die Verrohung der Sprache, durch Gleichgültigkeit gegenüber Menschenfeindlichkeit und durch die Relativierung historischer Verantwortung. Mit Blick auf die erst wenige Wochen zurückliegenden Beschädigungen von Stolpersteinen in Göttingen sagte er sinngemäß: Die Verteidigung der Erinnerung sei zugleich die Verteidigung der demokratischen Gesellschaft selbst. Auch Sozial- und Kulturdezernentin Anja Krause betonte die Bedeutung der Gedenkkultur. Die kleinen Messingtafeln im Gehweg seien „kleine Steine mit großer Verantwortung“. Sie holten die Geschichte aus den Geschichtsbüchern zurück in den Alltag und machten sichtbar, dass Verfolgung und Menschenverachtung nicht irgendwo, sondern mitten in Göttingen stattgefunden hätten. „Die Antwort auf Hass darf niemals Schweigen sein“, sagte Krause. „Unsere Antwort ist Erinnerung, unsere Antwort ist Menschlichkeit und unsere Antwort ist gemeinsames Gedenken.“
Angehörige der Familie Blum reisen aus Israel an
Besonders bewegend wurde die Veranstaltung durch die Anwesenheit zahlreicher Nachfahren der Familie Blum, die eigens aus Israel nach Göttingen gekommen waren. Insgesamt rund zwanzig Angehörige nahmen an der Verlegung teil. Michael Zellermeier, Sohn von Max Blum, erklärte in einer spontanen Ansprache, die Zeremonie habe bei ihm viele Emotionen ausgelöst. Die Begegnungen in Göttingen hätten seiner Familie neue Verbindungen geschenkt und ihm zugleich einen neuen Zugang zur Geschichte seines Vaters eröffnet. Die Bemühungen der Stadt und der vielen Ehrenamtlichen bezeichnete er als wichtigen Beitrag, die Folgen der Vergangenheit sichtbar zu machen und Verantwortung zu übernehmen. Für Esther Blum geborene Faibuschewitz sowie ihre Kinder Siegfried, Max, Julius, Leopold und Gertrud wurden insgesamt sieben Stolpersteine am Hermann-Föge-Weg verlegt. Max und Leopold Blum gelang 1933 die Flucht nach Palästina. Dadurch konnten Teile der Familie überleben.
Erstmals Stolpersteine für verfolgte Sinti
Ein besonderer Schwerpunkt der diesjährigen Verlegung lag auf dem Gedenken an die Familie Pohl. Erstmals wurden in Göttingen Stolpersteine für Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes an Sinti und Roma gesetzt. An der Berliner Straße 8 erinnern nun Stolpersteine an Anton Pohl, Gertrud Krause sowie die Kinder Gertrud, Ursula und Anneliese Hoff-Pohl, Gisella Krause-Pohl sowie Hans und Bernhard Pohl. Die gesamte Familie wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Das jüngste Opfer, Bernhard Pohl, war erst zwei Jahre alt. Anders als bei der Familie Blum konnten keine Nachfahren an der Zeremonie teilnehmen – niemand hatte überlebt. Anja Krause sprach von einem wichtigen Schritt hin zu einer umfassenden Erinnerungskultur: „Erinnerung darf niemanden ausschließen. Sie muss alle Opfer sichtbar machen.“
Zivilgesellschaft zeigt Haltung
Im Gespräch mit Radio Leinewelle äußerte sich die Dezernentin auch zu den jüngsten Schändungen von Stolpersteinen in Göttingen. Die hohe Beteiligung von Schulen, Studierenden und Bürgerinnen und Bürgern mache ihr Mut. „Wir sind viel, viel mehr“, sagte Krause. „Wir stehen dem entgegen und wir wenden uns dagegen.“ Zur Frage, was jede und jeder Einzelne tun könne, fällt ihre Antwort fiel eindeutig aus: Zivilcourage zeigen. Widersprechen, wenn antisemitische, rassistische oder menschenverachtende Äußerungen fallen. Haltung zeigen. Die zehnte Stolpersteinverlegung in Göttingen war damit weit mehr als ein Gedenken an die Vergangenheit. Sie wurde zu einem öffentlichen Bekenntnis für eine demokratische Gesellschaft, die Verantwortung übernimmt – und den Namen der Opfer ihren Platz im Gedächtnis der Stadt zurückgibt.
Hintergrund: Das Projekt Stolpersteine
Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Die kleinen Messingtafeln werden vor den letzten frei gewählten Wohnorten von Menschen verlegt, die durch das nationalsozialistische Regime verfolgt und ermordet wurden. Eingraviert sind Name, Geburtsjahr, Deportationsort sowie – soweit bekannt – das Todesdatum der Opfer. In Göttingen werden die Verlegungen seit 2012 gemeinsam von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen, dem Geschichtsverein für Göttingen und Umgebung sowie zahlreichen Ehrenamtlichen organisiert.
Ulf Engelmayer
Fotos: ©Radio Leinewelle (Frithjof Hermann)
