
Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist das Göttinger Geburtshaus ein fester Bestandteil der Geburtshilfe in der Region. Nun steht die Einrichtung vor ihrer bislang größten Herausforderung: Die bisherigen Räume wurden gekündigt und stehen für 890.000 Euro zum Verkauf. Mit einer Unterstützerkampagne hofft das Geburtshaus, den Standort sichern und damit auch die außerklinische Geburtshilfe in Göttingen langfristig erhalten zu können. Nach Angaben des Geburtshauses wurden seit der Gründung im Jahr 2004 insgesamt 1.754 Kinder dort geboren. Darüber hinaus haben mehr als 10.000 Frauen und Familien Angebote wie Geburtsvorbereitung, evidenzbasierte Säuglingspflege oder Rückbildungskurse genutzt. Das Konzept setzt auf eine individuelle Eins-zu-eins-Betreuung durch Hebammen und bietet Frauen mit unkomplizierter Schwangerschaft die Möglichkeit, sich bewusst für eine außerklinische Geburt zu entscheiden.
Wenn dieser Ort verschwindet, verschwindet mehr als ein Angebot. Es verschwindet ein Stück Wahlfreiheit für gebärende Frauen. Ein seit vielen Jahren etablierter Ort des Vertrauens, der Ruhe und der menschlichen Nähe.
Gründerin und geschäftsführende Hebamme Claudia Ronsöhr
Nach Angaben des Geburtshauses gibt es bereits einen Kaufinteressenten aus der Finanzbranche, der die Immobilie künftig als Bürogebäude nutzen möchte. Da das Geburtshaus die Kaufsumme als soziales Unternehmen nicht selbst aufbringen könne, setzt es nun auf Spenden aus der Bevölkerung. Sollte der Erwerb der Immobilie scheitern, sollen die eingeworbenen Mittel für den notwendigen Umbau neuer Räumlichkeiten verwendet werden.

Geburtshaus sichert Vielfalt in der Geburtshilfe
Die Diskussion reicht weit über den Erhalt eines einzelnen Gebäudes hinaus. In Göttingen gibt es mit der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und dem AGAPLESION Krankenhaus Neu Bethlehem zwei Kliniken mit Geburtshilfe. Das Geburtshaus ergänzt dieses Angebot um eine dritte Versorgungsform: die hebammengeleitete außerklinische Geburt. Sie richtet sich an Frauen mit unkompliziertem Schwangerschaftsverlauf, die sich bewusst für eine Geburt außerhalb eines Krankenhauses entscheiden. Damit erweitert das Geburtshaus die Wahlfreiheit werdender Eltern und ergänzt die klinische Versorgung um ein eigenständiges Betreuungsangebot.
Verlust einer ganzen Versorgungsform
Sollte das Geburtshaus seinen Standort verlieren, blieben werdenden Eltern in Göttingen zwar weiterhin zwei Geburtskliniken. Verloren ginge jedoch eine eigenständige Form der Geburtshilfe. Für Frauen, die sich eine außerklinische Geburt wünschen, würden die Möglichkeiten deutlich eingeschränkt. Viele müssten auf eine Klinik ausweichen oder längere Wege zu Geburtshäusern außerhalb der Region in Kauf nehmen. Auch für die Hebammen hätte dies weitreichende Folgen. Im Geburtshaus arbeiten derzeit sechs Hebammen, eine Minijobberin sowie vier externe Kursleiterinnen. Gleichzeitig dient die Einrichtung als außerklinischer Ausbildungsstandort für Studierende der Hebammenwissenschaft aus ganz Deutschland. Damit trägt sie nicht nur zur Versorgung in Südniedersachsen bei, sondern auch zur Ausbildung des beruflichen Nachwuchses.
Ein Thema mit Signalwirkung
Der Fall des Göttinger Geburtshauses steht exemplarisch für die Herausforderungen der Geburtshilfe in Deutschland. Während sich die stationäre Geburtshilfe zunehmend auf größere Zentren konzentriert, geraten außerklinische Angebote wirtschaftlich unter Druck. Die Unterstützerkampagne des Geburtshauses ist deshalb mehr als ein Spendenaufruf. Sie wirft die grundsätzliche Frage auf, wie vielfältig die Geburtshilfe in Südniedersachsen künftig noch sein soll. Denn es geht nicht allein um den Erhalt eines Hauses. Es geht um Wahlfreiheit für werdende Eltern, um die Arbeit freiberuflicher Hebammen, um einen wichtigen Ausbildungsstandort – und um die Frage, ob neben der hochspezialisierten Klinikmedizin auch künftig Raum für eine individuelle, hebammengeleitete Geburt bleibt.
Mehr Infos – auch zur Spendenaktion – gibt es hier
Ulf Engelmayer
Fotos: Geburtshaus Göttingen
