Das Göttinger Jazzfestival geht in seine 49. Ausgabe – und setzt 2026 auf eine bemerkenswerte musikalische Bandbreite. Vom 30. Oktober bis 7. November reicht das Programm von klassischem amerikanischem Jazz über kubanische Rhythmen und europäischen Modern Jazz bis zu Fusion, elektronischen Klangexperimenten und einer Jazz-Dance-Party. Schon im Vorfeld gibt es Hommagen an Miles Davis und John Coltrane.
Das Göttinger Jazzfestival steuert auf sein 50-jähriges Jubiläum zu. Doch von Alterserscheinungen ist im Programm der 49. Ausgabe wenig zu spüren. Bei der Vorstellung des diesjährigen Festivals wurde deutlich: Die Veranstalter wollen die Geschichte des Jazz nicht museal präsentieren, sondern mit aktuellen Entwicklungen, jungen Musikerinnen und Musikern und neuen musikalischen Formen verbinden.
Die Spannweite reicht dabei von traditionellem Jazz bis zu experimentellen und elektronischen Formen. „Breiter kann die Facette, glaube ich, nicht sein“, brachte es der Vorsitzende des Jazzfestival Göttingen e. V., Hilmar Beck, bei der Pressekonferenz auf den Punkt. Das eigentliche Festival findet vom 30. Oktober bis 7. November 2026 statt. Die Veranstalter setzen erneut auf das bewährte Konzept, internationale Namen mit Musikerinnen und Musikern aus der Region zusammenzubringen.
Zwei große Namen stehen am Anfang: Miles Davis und John Coltrane
Bereits vor dem eigentlichen Festival steht einer der einflussreichsten Musiker der Jazzgeschichte im Mittelpunkt. Bei „100 Miles – Hommage an Miles Davis“ trifft die Musik des Trompeters auf die markante Stimme des Schauspielers und Synchronsprechers Christian Brückner. Er erzählt aus dem Leben des genialen, aber auch widersprüchlichen Miles Davis. Das Interesse ist groß: bisher sind bereits mehr als 400 Karten verkauft. Unmittelbar vor dem offiziellen Festivalbeginn folgt am 29. Oktober im APEX die zweite Hommage. Sie ist John Coltrane gewidmet. Der hannoversche Saxophonist Lars Störmer bringt gemeinsam mit Göttinger Musikern Coltranes Musik auf die Bühne. Anschließend folgt die traditionelle Jazz-Session.
Von Wasserfuhr bis Pacheco
Am Freitag, 30. Oktober, sind Julian und Roman Wasserfuhr gemeinsam mit Cellist Jörg Brinkmann zu erleben. Ihr Programm „Safe Place“ setzt einen eher ruhigen, konzentrierten Akzent. Einen Tag später führt das Festival zu Kultur im Esel bei Einbeck. Dort gastiert die deutsch-afghanische Sängerin Simin Tander mit ihrer Band. Zu den besonderen Programmpunkten gehört außerdem der Festivalfilm „Everybody Digs Bill Evans“. Er beschäftigt sich mit einer entscheidenden Phase im Leben des Pianisten Bill Evans und dessen Trio mit dem früh verstorbenen Bassisten Scott LaFaro. Nach Angaben der Festivalmacher wird der Film in Göttingen gezeigt, obwohl er bislang keinen regulären deutschen Verleih gefunden hat.
Am 4. November gehört das Alte Rathaus der kubanischen Pianistin Marialy Pacheco. Ihre Musik verbindet Jazz mit der rhythmischen Tradition ihrer Heimat. Pacheco gewann als erste Frau den Solo-Piano-Preis des Montreux Jazz Festivals – eine Personalie, auf die die Festivalmacher bei der Pressekonferenz besonders hinwiesen.
Elektronik, Improvisation und Clubatmosphäre
Dass Jazz längst nicht nur akustisches Trio oder Quartett bedeutet, zeigt der Abend mit Maier-Hauff/DeRungs im Nörgelbuff. Elektronische Klänge, Synthesizer, Improvisation und Sounddesign treffen hier aufeinander. Julian Maier-Hauff ist darüber hinaus bei der Jazz Dance Party im Deutschen Theater dabei. Nach den Konzerten am Freitagabend verbindet er dort als DJ elektronische Sounds mit Live-Instrumenten. Für die Party gibt es nach Verfügbarkeit auch separate Karten für Besucherinnen und Besucher, die erst spät am Abend dazukommen wollen.
Drei internationale Acts am Freitag im Deutschen Theater
Der erste große Festivalabend im Deutschen Theater beginnt mit der jungen britischen Saxophonistin Emma Rawicz. Sie kommt mit einer größeren Formation nach Göttingen und gehört zu den international stark beachteten Musikerinnen ihrer Generation. Danach folgt mit dem schwedischen Bassisten Lars Danielsson und seinem Libretto-Ensemble ein alter Bekannter des Göttinger Festivals. Danielsson steht für einen melodischen europäischen Jazz, in dem sich nordische Klangfarben, Kammermusik und Improvisation verbinden. Den Abschluss übernimmt Shake Stew. Die österreichische Formation war bereits 2019 in Göttingen zu Gast und kehrt nun mit ihrer ungewöhnlichen Rhythmusarchitektur zurück: Zwei Bassisten und zwei Schlagzeuger sorgen für einen druckvollen, hypnotischen Sound.
Von New Orleans bis zur Fusion
Auch der Samstagabend im Deutschen Theater zeigt die große stilistische Spannweite des Festivals.
Mit dem Delfeayo Marsalis Quintet featuring Eric Alexander kommt ein Stück New-Orleans-Jazzgeschichte nach Göttingen. Marsalis entstammt einer der bekanntesten Familien des amerikanischen Jazz und steht für einen ebenso traditionsbewussten wie kraftvollen Straight-ahead-Jazz. Einen deutlichen Kontrast setzt anschließend Bill Laurance. Der Pianist und Keyboarder ist vor allem durch das international erfolgreiche Kollektiv Snarky Puppy bekannt. In Göttingen konzentriert er sich auf ein Solo-Programm. Zum Finale wird es elektrisch: Das Scott Kinsey Quintet führt die Tradition des Fusion Jazz weiter. Kinseys Musik steht im Geiste von Weather Report und Joe Zawinul, ohne bei einer nostalgischen Rückschau stehenzubleiben.
Das Festival bleibt ein Schaufenster der Region
Bei aller internationalen Prominenz bleibt ein Grundgedanke erhalten: Das Jazzfestival versteht sich weiterhin als Bühne für die regionale Szene. Rund 20 regionale Formationen sollen beteiligt sein – vom Amateurbereich bis zu professionellen Musikerinnen und Musikern. Darunter befinden sich in diesem Jahr vier Schul-Bigbands, eine Musikschul-Bigband und zwei studentische Bigbands. Damit bleibt gerade das Wochenende im Deutschen Theater mehr als eine Abfolge prominenter Konzerte. Das Haus wird erneut zum Treffpunkt der Göttinger und südniedersächsischen Jazzszene.
Viel Ehrenamt hinter einem großen Festival
Dass ein Festival dieser Größenordnung überhaupt möglich ist, hängt nicht nur von Eintrittsgeldern und prominenten Namen ab. Ein großer Teil der organisatorischen Arbeit wird weiterhin ehrenamtlich geleistet.
„So ein Festival zu ermöglichen, das weitgehend ehrenamtlich organisiert wird, bedarf natürlich auch der Unterstützung vieler“, betonte Hilmar Beck bei der Programmvorstellung. Unterstützt wird das Festival unter anderem von Stadt und Landkreis Göttingen, dem Land Niedersachsen, der NDR-Musikförderung, Stiftungen und weiteren Partnern. Für die Organisatoren ist diese Förderung auch mit Blick auf die Zukunft des Festivals von zentraler Bedeutung.
Neu: Garantierter Sitzplatz im Deutschen Theater
Eine Neuerung betrifft das Publikum im Deutschen Theater. Im ersten Rang werden erstmals nummerierte und reservierte Plätze angeboten. Wer einen solchen Platz bucht, hat für alle drei Konzerte des jeweiligen Abends einen garantierten Sitzplatz. Damit reagiert das Festival nach eigenen Angaben auf Wünsche insbesondere von Besucherinnen und Besuchern, die nicht vor jedem Konzert erneut um einen Platz suchen möchten. Außerdem wurde die Kulturticket-Regelung erweitert: Neben Studierenden können inzwischen auch Göttinger Schülerinnen und Schüler mit entsprechendem Ausweis die vergünstigten Konditionen nutzen.
Der Vorverkauf startet am 1. September. Karten gibt es über die bekannten Vorverkaufsstellen und Reservix. Programm, Hörbeispiele, Informationen zu den Musikerinnen und Musikern sowie zu den Spielorten stellt das Festival online bereit.
Infobox: 49. Göttinger Jazzfestival 2026
Festivalzeitraum: 30. Oktober bis 7. November 2026
Vorprogramm: u. a. Hommagen an Miles Davis und John Coltrane
Hauptspielort: Deutsches Theater Göttingen
Weitere Spielorte: u. a. APEX, Altes Rathaus, Nörgelbuff, musa, Volksbank sowie Kultur im Esel bei Einbeck
Internationale Gäste:
Emma Rawicz, Lars Danielsson & Libretto, Shake Stew, Delfeayo Marsalis Quintet feat. Eric Alexander, Bill Laurance, Scott Kinsey, Marialy Pacheco, Simin Tander sowie weitere Künstlerinnen und Künstler.
Regionale Szene: Rund 20 Formationen aus der Region – darunter vier Schul-Bigbands, eine Musikschul-Bigband und zwei studentische Bigbands.
Neu 2026: Im ersten Rang des Deutschen Theaters können nummerierte und damit garantierte Sitzplätze für die jeweils drei Konzerte eines Festivalabends gebucht werden.
Ermäßigung: Das Kulturticket gilt auch für Göttinger Schülerinnen und Schüler mit entsprechendem Schulausweis.
Vorverkauf: ab 1. September 2026 über die bekannten Vorverkaufsstellen, Reservix und das Festival.
Veranstalter: Jazzfestival Göttingen e. V.
Vorsitzender: Hilmar Beck
Weitere Informationen und vollständiges Programm:
jazzfestival-goettingen.de
Ein Festival zwischen Tradition und Gegenwart
Das 49. Göttinger Jazzfestival setzt weniger auf einen einzelnen überragenden Headliner als auf die Dramaturgie des gesamten Programms. Gerade darin liegt seine Stärke: Miles Davis und John Coltrane bilden den historischen Resonanzraum, während Musikerinnen und Musiker wie Emma Rawicz, Marialy Pacheco oder Maier-Hauff/DeRungs zeigen, wie offen der Jazz der Gegenwart geworden ist. Lars Danielsson steht für die europäische, melodische Linie, Delfeayo Marsalis bringt die Tradition von New Orleans nach Göttingen, und Scott Kinsey schlägt die Brücke zum elektrischen Jazz von Weather Report und Joe Zawinul.
So präsentiert sich das Festival ein Jahr vor seinem 50. Geburtstag nicht als Rückschau auf eine große Vergangenheit, sondern als Veranstaltung, die Jazz weiterhin als lebendige und wandelbare Musik versteht.
Ulf Engelmayer

