Wohnraum in Göttingen: Zwischen steigenden Mieten und schwindenden Sozialbindungen

Die Linke Göttingen/Osterode hat einen Einwohner:innen-Antrag zur Wohnraumsituation an die Stadt Göttingen übergeben. Nach Angaben der Partei haben rund 3.600 Menschen den Antrag unterschrieben. Gefordert werden unter anderem die Ausrufung eines „Mietennotstands“, ein qualifizierter Mietspiegel, eine Melde- und Beschwerdestelle gegen Mietwucher sowie Maßnahmen zum Erhalt und zur Schaffung von Sozialwohnungen.

Die Unterschriftensammlung ist Teil einer länger laufenden Kampagne der Göttinger Linken gegen hohe Mieten. Auf ihrer Internetseite wirbt die Partei unter dem Motto „Wohnen für alle – Mietenwahnsinn in Göttingen stoppen!“ um Unterstützung und will damit politischen Druck auf die Stadt ausüben.

Nach Angaben der Linken wurde der Antrag am 10. September an die Stadtverwaltung übergeben. Initiatorin Sabine Lösing sieht in den Unterschriften ein Signal, dass das Thema Wohnen nach der Kommunalwahl weiter auf der politischen Tagesordnung bleiben müsse. Oberbürgermeisterkandidat Thomas Goes spricht von einem „Mietennotstand“ und verweist auf stark gestiegene Wohnkosten. Die Partei fordert auch andere Ratsfraktionen auf, die Anliegen des Einwohner:innen-Antrags zu unterstützen.

Bezahlbarer Wohnraum bleibt knapp

Unabhängig von der politischen Bewertung der Forderungen zeigen auch Daten der Stadt Göttingen, dass insbesondere günstiger Wohnraum ein strukturelles Problem bleibt. Im kommunalen Handlungskonzept wird ein deutlicher Rückgang sozial gebundener Wohnungen dokumentiert: 2015 gab es demnach noch 2.919 Wohnungen mit Sozialbindung, 2025 waren es 1.203. Anfang der 1990er-Jahre hatte der Bestand sogar noch bei mehr als 5.000 Wohnungen gelegen. Die städtische Wohnbauflächenbedarfsprognose beschreibt die Lage insbesondere für Ein- und Zweipersonenhaushalte als schwierig. Durch auslaufende Sozialbindungen, Abrisse, Umwandlungen und Wohnungszusammenlegungen habe sich der Bestand an preisgünstigen Wohnungen verringert, während gleichzeitig die Nachfrage in diesem Segment hoch bleibe.

Auch die Stadt selbst bezeichnet Wohnraummangel, ein hohes Mietpreisniveau und auslaufende Mietpreisbindungen als zentrale Herausforderungen. Im Doppelhaushalt 2025/26 ist deshalb vorgesehen, den sozialen und bezahlbaren Mietwohnungsbau zu fördern, den kommunalen Wohnungsbau weiterzuentwickeln und Leerstand stärker zu verhindern.

Was kostet Wohnen derzeit?

Der aktuelle Göttinger Mietspiegel zeigt allerdings auch, dass pauschale Angaben zur „Durchschnittsmiete“ mit Vorsicht zu betrachten sind. Die ortsübliche Vergleichsmiete hängt erheblich von Wohnungsgröße und Baujahr ab. Bei Wohnungen zwischen 50 und 80 Quadratmetern weist der Mietspiegel 2025 beispielsweise durchschnittliche Nettokaltmieten von 7,27 Euro pro Quadratmeter für Gebäude aus den Jahren 1946 bis 1977 und 11,78 Euro für Wohnungen ab Baujahr 2016 aus. Für kleinere Neubauwohnungen zwischen 25 und 50 Quadratmetern liegt der Mittelwert sogar bei 13,34 Euro pro Quadratmeter.

Ein Gegenpol ist der Bestand der Städtischen Wohnungsbau GmbH. Dort lag die durchschnittliche Miete 2024 nach Angaben der Stadt bei lediglich 5,71 Euro pro Quadratmeter. Gleichzeitig betrug die Leerstandsquote nur 1,4 Prozent – ein Hinweis darauf, wie stark günstiger Wohnraum nachgefragt wird.

Damit lässt sich die politische Auseinandersetzung relativ klar einordnen: Dass Göttingen ein angespanntes Segment bei preisgünstigem Wohnraum hat, wird auch in städtischen Unterlagen beschrieben. Ob daraus allerdings formal ein „Mietennotstand“ ausgerufen werden soll und welche Instrumente daraus folgen könnten, ist eine politische Frage, über die nun Stadtverwaltung und Rat beraten müssen.

Ulf Engelmayer

Foto: Thomas Goes (Kandidat), Sabine Lösing (Antragsstellerin & Kandidatin), Lisa Zumbrock (Kandidatin), Christina Zacharias & Tammo Ober-Bloibaum (Antragsstellende).

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