Die Stadt Göttingen hat im voll besetzten Alten Rathaus Oberbürgermeisterin Petra Broistedt und zahlreiche langjährige Mitglieder des Stadtrates und der Ortsräte verabschiedet. Es war ein Abend bemerkenswerter Wertschätzung – und ein sichtbares Zeichen für einen Generationswechsel in der Kommunalpolitik.

Manchmal wird an einem einzelnen Abend deutlich, wie viel eine Stadt dem persönlichen Engagement ihrer Menschen verdankt. Die Verabschiedungsfeier am Dienstag, 27. Oktober, im Alten Rathaus war ein solcher Moment. Sie galt Petra Broistedt ebenso wie den ausscheidenden bzw. langjährigen Mitgliedern des Rates und der Ortsräte, darunter viele, die über Jahrzehnte Verantwortung übernommen hatten. Menschen aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Universität waren zusammengekommen. Das voll besetzte Rathaus spiegelte etwas von jenem quirligen, vielfältigen Göttingen wider, das Innenministerin Daniela Behrens in ihrer Rede beschrieb. Musikalisch begleitet von Bernd & Bernie, bot der Abend einen angemessenen Rahmen für Dank, Rückblick und persönliche Erinnerungen.
Ein Generationswechsel wird sichtbar

Mit der Zahl der langjährig Engagierten, die an diesem Abend verabschiedet beziehungsweise geehrt wurden, bekommt der politische Wechsel ein Gesicht. In den Ortsräten und im Stadtrat endet für viele eine Zeit intensiver Arbeit. Erfahrung, gewachsene Verbindungen und die genaue Kenntnis der eigenen Stadt lassen sich nicht einfach weiterreichen. Zugleich entstehen Räume für neue Perspektiven. Auch in den Fraktionsführungen vollzieht sich Veränderung, etwa bei Bündnis 90/Die Grünen. Wie die neue politische Generation ihre Verantwortung ausfüllen und welche Formen der Zusammenarbeit sie entwickeln wird, gehört zu den spannenden Fragen der kommenden Wahlperiode. Dieser Abend machte zunächst sichtbar, auf welchem Fundament sie aufbauen kann: auf Menschen, die über viele Jahre Sitzungsunterlagen gelesen, Interessen abgewogen, gestritten und Entscheidungen verantwortet haben. Die öffentliche Anerkennung dafür war deutlich zu spüren.
Eine Persönlichkeit, die das Amt geprägt hat
Die Wertschätzung für Petra Broistedt zog sich durch die Dankesreden. Daniela Behrens brachte einen zentralen Gedanken auf den Punkt: Hier habe eine Person das Amt geprägt. Die Ministerin würdigte Broistedts Beharrlichkeit, ihre gründliche Vorbereitung und ihre Fähigkeit, auch bei unterschiedlichen Positionen konstruktiv zu verhandeln. Im anschließenden Interview mit Radio Leinewelle beschrieb sie die Zusammenarbeit als „sehr konstruktiv, immer an der Sache orientiert, sehr anständig im Streit“. Besonders hob sie Broistedts Einsatz für Bildung, Kultur und soziale Teilhabe hervor.
Hier hat eine Person das Amt geprägt
Innenministerin Daniela Behrends über Petra Broistedt
Zum Bild dieses Abends gehörte auch eine Eigenschaft, die Radio Leinewelle in der Begleitung der Stadtpolitik wiederholt beobachtet hat: Broistedts Verständnis von Teamarbeit. Sie ließ ihren Dezernentinnen und Dezernenten Raum, fachliche Positionen zu entwickeln und öffentlich zu vertreten. Eigenständige Profile hatten in dieser Verwaltungsspitze ihren Platz. Christian Schmetz machte in seiner persönlichen, humorvollen Abschiedsrede deutlich, was dieser Zusammenhalt gerade in schwierigen Situationen bedeutete. Broistedt habe das Team nach Rückschlägen aufgefangen, motiviert und wieder auf die gemeinsame Arbeit ausgerichtet. Hinter den Anekdoten über frühe Arbeitszeiten, schnelle E-Mails und verdrehte Sprichwörter stand eine ernsthafte Anerkennung ihrer Führungsarbeit.
Gestalten unter schwierigen Bedingungen
Broistedt selbst blickte auf eine Wahlperiode zurück, in der eine Krise auf die nächste folgte: Pandemie, russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine, Energiekrise und eine zunehmend schwierige Haushaltslage. „Wir haben uns nicht darauf beschränkt, Krisen zu verwalten. Wir haben Göttingen gemeinsam gestaltet und weiterentwickelt“, sagte sie. Als Beispiele nannte sie die Schaffung von Baurecht für 3.000 Wohneinheiten, die langfristige Finanzierung der sieben Quartierszentren, den Ausbau der Kinderbetreuung und Investitionen in Schulen. Auch Klimaanpassung, Fernwärme, Radverkehr und die Elektrifizierung der Busflotte gehörten zu ihrer Bilanz. Die Auseinandersetzungen um das Haushaltssicherungskonzept sparte sie dabei nicht aus. Unterschiedliche Vorstellungen darüber, was notwendig und vertretbar sei, hätten zu kontroversen Debatten geführt. Ihr Dank galt ausdrücklich auch dem Widerspruch und den konstruktiven Vorschlägen aus den Räten. Gerade diese Anerkennung des politischen Gegenübers passte zum Charakter des Abends.
Wertschätzung braucht Öffentlichkeit
Im Gespräch mit Radio Leinewelle weitete Behrens den Blick auf die Bedingungen kommunalpolitischer Arbeit. Sie forderte mehr gesellschaftliche Unterstützung für ehrenamtlich Engagierte und warnte vor zunehmenden Anfeindungen. Land und Kommunen müssten bei der Bewältigung ihrer Aufgaben eng zusammenarbeiten. Ihr Ministerium verstehe sie dabei als Partner der Kommunen.
Fazit: Solche Ehrungen und sich abzeichnende politische Übergänge verdienen mehr öffentliche Aufmerksamkeit: Sie zeigen, wer eine Stadt über Jahre mitgestaltet hat und unter welchen Bedingungen demokratische Verantwortung übernommen wird.
Für Petra Broistedt beginnt nun ein Lebensabschnitt mit mehr Zeit für die Familie und das Enkelkind in London. Ihrer Nachfolgerin wünschte sie einen guten Start und verlässliche Menschen an ihrer Seite.
Im Alten Rathaus blieb der Eindruck eines würdigen Abschieds. Die Anerkennung galt einer Oberbürgermeisterin mit einem erkennbaren persönlichen Profil und den vielen Menschen, die kommunale Demokratie über Jahre und Jahrzehnte getragen haben. Eine Feier für die Demokratie – dieser Gedanke beschribt wohl den Abend treffend.
Ulf Engelmayer
Fotos: ©Radio Leinewelle Jutta Engelmayer


