
Die Architektenkammer Niedersachsen hat die Stadt Göttingen mit ihrem Bauherrenpreis 2026 ausgezeichnet. Gewürdigt wird eine Planungskultur, die auf Wettbewerbe, öffentliche Beteiligung und den Vergleich unterschiedlicher Ideen setzt. Die Feier im Kunsthaus bot dafür einen ebenso passenden wie ungewöhnlichen Rahmen.
Links neben dem Rednerpult Taylor Swift, im rechten Winkel dazu Donald Trump: Die großformatigen Fotografien von Martin Schoeller waren bei der Verleihung des Bauherrenpreises im Kunsthaus Göttingen mehr als bloße Dekoration. Ein Geschoss weiter standen Architekturmodelle zwischen den Porträts seiner Drag Queens. Stadtplanung traf auf fotografisch inszenierte Vielfalt – eine Verbindung, die auch die Redner aufgriffen. Einen passenderen Veranstaltungsort hätte man für diesen Abend kaum finden können. Das Kunsthaus selbst entstand aus einem Architekturwettbewerb, ebenso die Gestaltung seines Innenhofs. Damit ließ sich an Ort und Stelle betrachten, worum es bei der Auszeichnung ging: um den Weg von einer offenen Bauaufgabe zu einer überzeugenden Lösung. Die gut besuchte Feier brachte Beschäftigte der Stadtverwaltung, insbesondere aus dem Baubereich, Architektinnen und Architekten sowie Gäste aus Politik und Stadtgesellschaft zusammen. Die Freude über die Anerkennung war deutlich spürbar. Ausgezeichnet wurde eine Arbeit, deren aufwendigste Schritte häufig stattfinden, bevor überhaupt gebaut wird.
Würdigung für das planerische Vorgehen
Kammerpräsident Robert Marlow stellte bei der Verleihung am Montag, 26. Oktober, Göttingens Umgang mit Planungsaufgaben heraus. Die Stadt lasse unterschiedliche Entwürfe vergleichen, suche die öffentliche Diskussion und fordere auch bei privaten Vorhaben qualitätssichernde Verfahren ein. Architekturwettbewerbe kosten zunächst Zeit und Geld. Ihr Wert liegt nach Marlows Darstellung darin, Alternativen sichtbar zu machen und die Aufgabenstellung gründlich zu durchdenken. Dabei können Lösungen entstehen, die zuvor niemand im Blick hatte. Die Auszeichnung gilt damit einem über Jahre entwickelten planerischen Vorgehen. Zu den genannten Beispielen gehörten öffentliche Freiräume wie der Waageplatz und der Wochenmarkt sowie die Entwicklung am Weender Tor.
Weender Tor: Kritik als Anlass zum Umdenken
Das Weender Tor spielte in mehreren Reden eine zentrale Rolle. Oberbürgermeisterin Petra Broistedt erinnerte an die erheblichen Einwände gegen frühere Entwürfe: zu groß, zu hoch, zu wuchtig und zu wenig Rücksicht auf die besondere Lage am Wall. Die Stadt habe deshalb das Verfahren neu aufgestellt. Gemeinsam mit dem Rat seien zunächst die möglichen Nutzungen und die verträgliche Bebauung geklärt worden. Anschließend folgte mit dem Investor ein Wettbewerb unter Beteiligung der Öffentlichkeit. Marlow würdigte die Bereitschaft, eine bereits eingeschlagene Richtung zu überprüfen. Sein Satz beschreibt zugleich die Grenzen und den Anspruch solcher Verfahren:
„Beteiligung bedeutet nicht, dass am Ende alle derselben Meinung sind.“
Unterschiedliche Interessen bleiben bestehen. Gute Verfahren sollen ermöglichen, sie ernst zu nehmen, Alternativen abzuwägen und Entscheidungen nachvollziehbar zu treffen.
Erfolge mit Brüchen
Die Auszeichnung bedeutet allerdings nicht, dass jedes Göttinger Vorhaben gelungen wäre. Gerade am Waageplatz steht die Stockleffmühle auch für die Grenzen bisheriger Planungen. Das frühere Welthausprojekt, das dort entwicklungspolitischen Initiativen eine gemeinsame Heimat geben sollte, scheiterte. Über die Ursachen gab es unterschiedliche Auffassungen zwischen Initiative und Stadtverwaltung. Inzwischen verfolgt die städtische Wohnungsbaugesellschaft eine Sanierung und Umnutzung für die Jugendberufshilfe. Solche Erfahrungen gehören zur Bilanz. Sie zeigen, dass auch anspruchsvolle Planungsprozesse keine Erfolgsgarantie bieten. Der Preis würdigt den grundsätzlichen Ansatz, Qualität durch Wettbewerb, fachliche Auseinandersetzung und Beteiligung zu entwickeln. Dazu kommen neue bauliche Lösungen. Ein Beispiel ist die Kindertagesstätte Ernst Fahlbusch in Massivholzbauweise. Sie steht für den Versuch, Anforderungen an öffentliche Gebäude mit ressourcenschonenden Bauweisen zu verbinden. Die beteiligten Tragwerksplaner beschreiben eine Konstruktion aus Brettsperrholz mit sichtbar bleibenden Holzoberflächen.
Look: Vertrauen in ergebnisoffene Wege
Stadtbaurat Frithjof Look hob in seiner Dankrede die gemeinsame Verantwortung von Politik, Verwaltung, Planenden und Investoren hervor.
„Gute Stadtentwicklung, davon bin ich überzeugt, braucht dieses Vertrauen in ergebnisoffene Wege.“
Besonders dankte er seinem Team: den Beschäftigten, die Verfahren organisieren, Konflikte moderieren und auch nach schwierigen öffentlichen Diskussionen weiter an tragfähigen Lösungen arbeiten.
Wer Look über längere Zeit bei öffentlichen Präsentationen, in Beteiligungsverfahren und im ausführlichen Gespräch erlebt hat, kann nachvollziehen, warum diese Arbeitsweise mit seiner Person verbunden wird. Aus der journalistischen Begleitung entsteht der Eindruck eines Stadtbaurats, der fachliche Überzeugung vermitteln, Konflikte aushalten und unterschiedliche Interessen zusammenführen kann. Broistedt würdigte ausdrücklich seinen Einsatz für Wettbewerbe und eine breite öffentliche Beteiligung.
Urteilskraft in einer beschleunigten Welt
Niedersachsens Bauminister Grant Hendrik Tonne betonte die Bedeutung kommunaler Baukultur für Daseinsvorsorge und Lebensqualität. Göttingens kontinuierliches Engagement könne anderen Kommunen als Vorbild dienen. Einen weiterführenden Gedanken brachte Nils Ballhausen in seiner Festrede ein: In einer Öffentlichkeit, die von sozialen Medien und zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägt werde, gewinne fachliche Urteilskraft an Bedeutung. Schnell erzeugte Bilder und Entwurfsvarianten beantworteten noch nicht die Frage, welche Lösung für eine Stadt tatsächlich richtig sei. Zwischen den Architekturmodellen und Schoellers Drag-Queen-Porträts bekam diese Debatte einen ungewöhnlich anschaulichen Rahmen. Auch Look griff die Verbindung auf und sprach über Vielfalt als Bereicherung für Stadt und öffentlichen Raum. Der Abend zeigte damit neben der Freude über einen Fachpreis auch etwas von dem Selbstverständnis, das mit ihm ausgezeichnet werden sollte: unterschiedliche Ideen zulassen, darüber streiten und gemeinsam Entscheidungen treffen.
Der Bauherrenpreis
Die Architektenkammer Niedersachsen vergibt den Preis seit 2014 alle zwei Jahre. Auf Wolfsburg folgten Hannover, das Bistum Osnabrück, Goslar, der Landkreis Cloppenburg und 2024 das hannoversche Unternehmen Gundlach. Göttingen ist die siebte Preisträgerin. Gewürdigt werden Bauherren, die sich durch vorbildliche Verfahren und hohe gestalterische Ansprüche um die Baukultur verdient machen.
Ulf Engelmayer




