
30 Jahre Göttinger Bündnis zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – Veranstaltungsreihe 2026/27 beleuchtet historische Verantwortung, familiäre Verstrickungen und die Folgen der NS-Verbrechen bis in die Gegenwart.
Göttingen, 4. November 2026. Wie lässt sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus lebendig halten, wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr selbst von ihren Erfahrungen berichten können? Und welche Spuren haben Verfolgung, Gewalt, aber auch Täterschaft und jahrzehntelanges Schweigen in den nachfolgenden Generationen hinterlassen? Diese Fragen standen auch im Mittelpunkt eines Pressegesprächs mit Roland Laich vom Verein NS-Familien-Geschichte und Stefan Wilbricht, Leiter der KZ-Gedenkstätte Moringen. Anlass war die Vorstellung der neuen Veranstaltungsreihe des Göttinger Bündnisses zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Seit 1997 organisiert das Bündnis jährlich ein umfangreiches Programm. Die diesjährige, inzwischen 30. Reihe verbindet historische Forschung und Gedenken mit Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung in der Gegenwart.
Erinnerung bedeutet auch, nach den Tätern zu fragen
Die Veranstaltungsreihe orientiert sich an drei historischen Daten: dem 9. November 1938, als während der nationalsozialistischen Pogrome auch die Göttinger Synagoge zerstört wurde, dem 27. Januar 1945, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, und dem 30. Januar 1933, an dem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Diese zeitliche Verbindung ist bewusst gewählt. Es soll nicht allein an die Opfer erinnert werden. Ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung mit den Menschen, Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen, die die nationalsozialistische Diktatur ermöglichten und trugen. Auch die Jahre nach 1945 gehören dazu. Viele Verantwortliche blieben gesellschaftlich integriert, über ihre Rolle während des Nationalsozialismus wurde häufig geschwiegen. Die Folgen dieser verzögerten Aufarbeitung beschäftigen die historische Forschung bis heute. Dabei wächst nach den Erfahrungen der Bündnisvertreter gerade das Interesse an konkreten Lebensgeschichten. Nicht allein die bekannten Führungspersonen des NS-Regimes stehen im Mittelpunkt, sondern zunehmend die Fragen nach der eigenen Nachbarschaft, den örtlichen Betrieben und Verwaltungen oder der Geschichte der eigenen Familie.
Was bleibt, wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sind?
Für Stefan Wilbricht stellt sich mit dem Verschwinden der Erlebnisgeneration eine grundlegende neue Aufgabe. Die unmittelbaren Zeugnisse der Überlebenden bleiben unverzichtbar. Doch Erinnerungskultur kann sich künftig nicht mehr allein darauf stützen, dass Menschen persönlich über ihre Erfahrungen berichten. Stärker in den Blick rücken deshalb die Nachkommen. Was wurde innerhalb der Familien weitergegeben? Welche Erfahrungen prägen möglicherweise noch Kinder und Enkel? Und welche Geschichten wurden über Jahrzehnte verschwiegen? Dabei geht es auch um die transgenerationelle Weitergabe traumatischer Erfahrungen. Schwere Belastungen durch Verfolgung, Gewalt und Verlust können über familiäre Beziehungen, Erzählungen oder auch Schweigen auf nachfolgende Generationen einwirken. Wie und in welchem Umfang das geschieht, ist individuell unterschiedlich und Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Wilbricht regte beim Pressegespräch an, diese Fragen nicht ausschließlich auf die Familien der Verfolgten zu beschränken. Auch die Nachkommen von Tätern müssten sich fragen, welche Einstellungen, Verhaltensmuster und Formen der Verdrängung über Generationen weitergegeben wurden.
Dabei sind die Erfahrungen der Opferfamilien und die Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Täterschaft selbstverständlich nicht gleichzusetzen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass die Geschichte des Nationalsozialismus nicht mit dem Ende der Diktatur abgeschlossen war. Wilbricht sieht deshalb eine zentrale Aufgabe darin, zu fragen, welches historische und persönliche Erbe die Menschen hinterlassen haben und wie die heutige Gesellschaft damit umgehen will.
Die eigene Familiengeschichte erforschen
Einen praktischen Ansatz bietet die Veranstaltungsreihe mit dem Workshop „Was bleibt ist die Erinnerung“. An drei Wochenenden zwischen November 2026 und Januar 2027 können sich Interessierte mit der NS-Vergangenheit ihrer eigenen Familie beschäftigen. Im Mittelpunkt stehen überlieferte Familiengeschichten, persönliche Erinnerungen und die Recherche in historischen Archiven. Aussagen über vermeintlich unbeteiligte Familienangehörige können dabei ebenso hinterfragt werden wie bislang unbekannte Mitgliedschaften in nationalsozialistischen Organisationen. Roland Laich berichtete, dass aus früheren Angeboten dieser Art längerfristige Arbeitsgruppen entstanden seien. Manche Teilnehmende beschäftigen sich noch Jahre später gemeinsam mit ihren Familiengeschichten. Solche Formen der Forschung können auch einen neuen Zugang zur Erinnerungsarbeit eröffnen. Die Beschäftigung mit der eigenen Herkunft macht historische Entwicklungen persönlich nachvollziehbar. Zugleich kann sie helfen, überlieferte Vorstellungen kritisch zu überprüfen. In diesem Zusammenhang gewinnen sogenannte Zweitzeugen an Bedeutung: Menschen, die sich mit den Erfahrungen der Zeitzeugen auseinandersetzen, deren Zeugnisse bewahren und das Wissen an andere weitergeben.

Göttinger Geschichte wird im Stadtraum sichtbar
Die neue Veranstaltungsreihe zeigt zugleich, wie eng die Geschichte des Nationalsozialismus mit Göttingen und Südniedersachsen verbunden ist. Eine Fahrradrundfahrt führt beispielsweise zu früheren Dienststellen der Gestapo, zum ehemaligen Gerichtsgefängnis sowie zu Wohnhäusern von Tätern und Verfolgten. Die Teilnehmenden erfahren, wie nationalsozialistischer Terror mitten im Göttinger Alltag organisiert wurde.
Mehrere Veranstaltungen beschäftigen sich mit der Zwangsarbeit in Südniedersachsen und den Konzentrationslagern in Moringen. Dort bestanden zwischen 1933 und 1945 nacheinander ein Männer-, ein Frauen- und ein Jugendkonzentrationslager.
Andere Beiträge widmen sich weniger bekannten Opfergruppen. Dazu gehört eine Ausstellung über den nationalsozialistischen Völkermord an Roma in der besetzten Sowjetunion. Auch die Geschichte nach 1945 wird thematisiert. Ein Vortrag untersucht den Umgang der westdeutschen Demokratie mit Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt worden waren. Ein Erinnerungsweg in Rosdorf beschäftigt sich mit dem 1991 von rechtsextremen Skinheads getöteten Alexander Selchow. Das Programm verbindet klassische Vorträge mit Führungen, Musik, Theater, Ausstellungen und Workshops. Damit versucht das Bündnis, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen anzusprechen und neue Zugänge zur Geschichte zu schaffen.
Von der historischen Erinnerung zur Gegenwart
Die Veranstaltungsreihe beschränkt sich nicht auf die Vergangenheit. Am 16. November beschäftigt sich eine Veranstaltung mit antisemitischen Vorfällen in Göttingen seit dem 7. Oktober 2023. Dabei werden Erkenntnisse der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Niedersachsen vorgestellt.
Ein weiterer Vortrag thematisiert die Situation von Holocaust-Überlebenden in der Ukraine, deren Leben durch den russischen Angriffskrieg erneut von Krieg und Vertreibung geprägt ist. Am 9. November stehen zunächst drei Veranstaltungen zum Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 auf dem Programm: eine historische Stadtführung um 16.15 Uhr, die traditionelle Gedenkstunde am Synagogenmahnmal um 18 Uhr und ein Konzert des Göttinger Projektorchesters KlezPO um 19.30 Uhr in der Reformierten Kirche.
Die zentrale Gedenkveranstaltung zum 27. Januar 2027 findet um 19 Uhr im Alten Rathaus statt. Unter dem Titel „Silvio Uhlfelder: Vertreibung, Neubeginn und die Sehnsucht nach Heimat“ geht es um die Geschichte zweier Familien, deren Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung schließlich nach Argentinien führte.
Erinnerungsarbeit als Aufgabe kommender Generationen
Nach 30 Veranstaltungsreihen ist das Göttinger Bündnis zu einem festen Bestandteil der regionalen Erinnerungskultur geworden. Zahlreiche gesellschaftliche Initiativen, Geschichtswerkstätten, Gewerkschaften, jüdische Einrichtungen und Gedenkstätten wirken daran mit. Das diesjährige Programm macht zugleich deutlich, dass historische Aufarbeitung keineswegs abgeschlossen ist. Immer neue biografische Recherchen, bislang wenig beachtete Opfergruppen und die Untersuchung lokaler Verantwortlichkeiten erweitern das Wissen über die nationalsozialistische Vergangenheit. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre könnte deshalb weniger lauten, wie die bisherigen Gedenkformen unverändert fortgesetzt werden können. Vielmehr geht es darum, wie sich jüngere Generationen historisches Wissen selbst erschließen, persönliche und gesellschaftliche Zusammenhänge erkennen und Verantwortung für die Weitergabe der Erinnerung übernehmen können. Denn mit dem Verschwinden der Zeitzeugen endet nicht die Wirkung ihrer Geschichte – und auch nicht die Notwendigkeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Informationen zur Veranstaltungsreihe
Zeitraum: November 2026 bis Januar 2027, mit einer weiteren Ausstellung im Februar und März.
Veranstalter: Göttinger Bündnis zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, mit Unterstützung der Stadt und des Landkreises Göttingen.
Programm und Informationen: https://gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus.de
Ulf Engelmayer
